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Vegan Purism

Anti Speciest Action, 26.09.2020

Titelbild

Was wäre, wenn nicht-menschliche Tiere Menschen wären?

Zu fragen "Was wäre, wenn nicht-menschliche Tiere Menschen wären?" kann in einer zutiefst speziesistischen Kultur ein effektives Mittel sein, um herauszufinden, ob etwas oder jemand speziesistisch ist. Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: Ist es moralisch richtig, Menschen wegen ihres Fleisches zu züchten und zu schlachten? Die Antwort lautet: Nein, es ist unmoralisch. Die Verneinung im Falle von Menschen, nicht aber in dem nicht-menschlicher Tiere, zeigt somit die eklatante Voreingenommenheit, die gegenüber Letzteren herrscht, auf. Ist es moralisch richtig, um an die Haare von Menschen zu gelangen, sie mit Fallen zu fangen und anschliessend zu ermorden? Auch hier ist die Antwort offensichtlich. Die Frage "was wäre, wenn sie Menschen wären?", selbst wenn sie nicht immer substanziell oder so nuanciert ist, kann wichtige Ungereimtheiten und Inkonsistenzen innerhalb der vorherrschenden Kultur und auch innerhalb veganer Gruppierungen und Individuen aufzudecken helfen.

Es gibt aber ein interessantes und ungewöhnliches Beispiel, bei dem die oben erwähnte Frage nicht geeignet ist, einen fairen Punkt zu etablieren: Ist Kink (BDSM)-Spiel, bei dem sich menschliche Personen als nicht-menschliche Personen (wie z.B. Hunde) verkleiden und aus diesem Spiel sexuelle, soziale und emotionale Befriedigung ziehen, eine Art moralisch falsche Aneignung von nicht-menschlichem Verhalten, deren Körpern und deren Kommunikation? Und da diese Aneignung von marginalisierten Personen (den Tieren) erfolgt, ist sie folgich speziesistisch und unterdrückerisch? Ohne eine nuancierte Analyse und ein soziologisches Verständnis von Kink/BDSM/Fetisch riskieren wir, sex-negativ zu sein, indem wir der Praxis voreilig Speziesismus unterstellen. Jeff Mannes, ein queerer, sexpositiver Soziologe, argumentiert nämlcih, dass "animal play" aufgrund der Soziologie, die hinter Kink steht, subversiv gegenüber Speziesismus ist, anstatt ihn zu reproduzieren.1 Er erklärt, wie Kink aus einem "Anti-Habitus"-Wunsch (Tabu, im Wesentlichen) entsteht und "animal play" als Folge der von Menschen vorgenommenen Trennung zwischen ihm und seiner "Animalität" heraus entsteht. Diese interessante und mehrdimensionale Analyse zeigt uns, dass die Antworten auf diese Fragen oft nuancierter sind, als sie auf den ersten Blick erscheinen, und wir deshalb vorsichtig mit ihnen umgehen sollten.

Insgesamt kann uns die oben gestellte Frage helfen, uns die Richtung zu weisen, wie unser Handeln, unsere Vorstellungen und unsere Sprache aussehen sollten. Leider wurde die Frage auch als Waffe benutzt, um sowohl diejenigen, die an speziesistischen Überzeugungen festhalten, als auch insbesondere diejenigen, die sich gegen Speziesismus engagieren, vorzuwerfen, eine nicht ausreichen "reine" Überzeugung vorzuweisen.

"Was wäre, wenn sie Hunde wären?"

Die Frage Was wäre, wenn sie Hunde wären? in Bezug auf die Ermordung von Kühen oder Schweinen stärkt den Speziesismus anstatt ihn zu untergraben. Das Hauptargument gegen die Nutzung solcher Fragen ist, dass auch Hunde gewalttätigen Speziesismus erleben und ihr "Sonderstatus" (im "Westen") nur oberflächlich ist, da dieser "Sonderstatus" selbst eine Form von emotional konsumierbarem Speziesismus ist, der durch die Haustierindustrie oder anderer Hundeausbeutungsindustrien aufbereitet wird. Wenn wir uns fragen, was wir tun würden, wenn Schweine Hunde wären, stellen wir Hunde auf ein falsches "liebevolles" Podest und vermindern somit ihre gelebte Erfahrung und radieren die speziesistische Ideologie, die auch Hunde betrifft, aus.

Unsere Definition von Veganismus/Anti-Speziesismus ist die "Ablehnung und Bekämpfung von Speziesismus, soweit dies praktikabel und möglich ist". Oder einfach ausgedrückt: Speziesismus ist die Auffassung, dass menschliche Personen sich selbst als moralisch überlegen gegenüber nicht-menschlichen Personen betrachten und diese Vorstellung in menschlichen Systemen, menschlichen Kulturen und zwischenmenschlichen Beziehungen widerspiegelt wird.

“The Liberation Pledge”

Der "Liberation Pledge" ist ein Gelübde, bei dem ein Mensch sich verpflichtet, nicht an Tischen zu sitzen, an denen nicht-menschliche Körper und Sekrete konsumiert werden. Die Motivation dies zu tun ist entweder für sein emotionales Wohlbefinden, aus Protest und sozialer Verweigerung oder beides. Wir verwenden den "Liberation Pledge" als Beispiel für einen möglichen veganen Purismus, weil er (zu Recht) mit veganem Kultismus assoziiert wird. Als Disclaimer: Weder essen wir an Tischen noch engagieren wir uns in sozialen Situationen, in denen Fleisch, Kuhmilch usw. konsumiert wird. Wir erkennen dies aber nicht als ein "Gelübde" veganer Reinheit an, und tragen eine verbogene Gabel am Handgelenk, sondern wir betrachten es als einen taktischen Einsatz sozialer Verweigerung als Protest gegen gewalttätige speziesistische Normen. Wir tun dies, weil es speziesistisch ist, gesellschaftliche Situationen, die speziesistisch sind, zu ermöglichen. Wenn beispielsweise das Schweinefleisch auf dem Teller Menschenfleisch wäre, würden wir nicht an diesem Tisch sitzen und unser pflanzenbasiertes Menü essen. Wir wenden diese Taktik an, weil wir sozial, emotional und körperlich dazu in der Lage sind. Ist es speziesistisch, an Tischen zu essen, an denen nicht-menschliches Fleisch konsumiert wird? Auf jeden Fall. Kann jeder Veganer diese Taktik anwenden? Nein. Ist es gefährlich, von anderen Veganern zu verlangen, dass sie diese Taktik anwenden, ohne sie über die sozialen, emotionalen und beruflichen Risiken dieses Handelns richtig zu informieren? Auf jeden Fall.

Speziesismus im Film

Das Hauptproblem, wenn wir fordern, dass jeder den Speziesismus in seiner Gesamtheit ablehnen muss und von jedem die gleichen Standards erwarten (Purismus), ist, dass wir vergessen, dass es beim Veganismus (Ablehnung und Widerstand gegen Speziesismus) darum geht, dass die Ausführung davon für Menschen praktikabel und möglich ist. Wenn wir uns Filme und Fernsehsendungen ansehen, übersehen wir leicht, dass nicht-menschliche Menschen als Schauspieler:innen ausgebeutet wurden und ihr Fleisch und ihre Sekrete als Nahrungsrequisiten, ihre Haut und Haare als Kleidung usw dienen. Ist es speziesistisch, diese Filme, die uns unterhalten, anzuschauen und dafür zu bezahlen, während wir diese Handlung unterlassen würden, wenn Menschen an derselben Stelle wären? Die Antwort ist ja, es ist speziesistisch - das bedeutet aber nicht, dass es emotional sowie sozial möglich ist, jeden Film zu boykottieren, der speziesistische Gewalt in seiner Produktion integriert hat, oder speziesistische Ideologie in der moralischen Botschaft des Films befördert. Wenn man sich zum Beispiel "Game of Thrones" ansieht, bedeutet das nicht automatisch, dass man die buchstäbliche Versklavung von Pferden oder die fiktive Ausbeutung der Drachen in der Serie gutheissen würde.

Anonymous for the Voiceless

Vor einer Weile postete AV (Anonymous for the Voiceless) einen rassistischen Beitrag, der eine schwarze Person bei einem Black Lives Matter Protest, die den abgetrennten Kopf eines Schweins als Requisite verwendet hat (was impliziert sollte, dass Polizisten Schweine sind) zeigte. Der Beitrag unterminierte die BLM-Bewegung insofern, indem er den offenkundigen Speziesismus eines schwarzen Anti-Rassisten angriff, jedoch den Speziesismus der gewalttätigen Polizeisysteme, die Pferde und Hunde versklaven und sie als Waffe zur Unterdrückung der Bewegung einsetzen, nicht thematisierte. Eine Person kommentierte diesen Beitrag und erklärte, dass dies "nur eine Person" unter sehr vielen sei, die schockierenden Speziesismus als Protest gegenüber der Polizei verwende, und dass der Beitrag unterschwellig rassistisch sei. Auf den Kommentar folgte folgende Antwort: "was ist, wenn sie deine Mutter gewesen wäre?..." (die Überreste des Schweins) "...hättest du das dann auch gesagt?" - dies ist eine Iteration der Frage "was wäre, wenn sie Menschen wären?" und wurde in diesem Fall dafür genutzt, den Kommentator zu manipulieren und ihm ein schlechtes Gewissen zu machen (durch einen Strohmann), damit er denkt, er sei speziesistisch. Diese Frage wurde vor allem von Rechten und Ökofaschisten benutzt, um das Narrativ für sich zu kontrollieren und unterschwelligen Rassismus zu befördern.

"Das würdest du nicht sagen, wenn sie menschlich wären!?" - die Antwort ist wahrscheinlich oft "nein, würde ich nicht". Wir leben aber in einer zutiefst speziesistischen Kultur und es gibt viele Facetten und Nuancen im menschlichen Leben. Manchmal müssen menschliche Personen an Tischen sitzen und veganes Essen mit Menschen essen, die Fleisch essen, weil sie sich isoliert fühlen würden und ohne diese emotionalen Riutale (wie gemeinsames Essen) in der Welt nicht zurechtkommen. Einige sind emotional dazu bereit und fühlen sich wohler, diese Taktik effektiv und konsequent anzuwenden und diejenigen Personen, die das können, sollten es auch tun, genauso wie, sofern es einem möglich ist, Menschen sich pflanzlich ernähren oder speziesistische Sprache zu verlernen versuchen sollten.

Wenn wir soziale Verweigerung als Taktik (und genau das ist es) mit Aktivist:innen diskutieren - besonders mit jungen/neuen Aktivist:innen - die ideologisch angreifbarer sind, dürfen wir keine unerreichbare Reinheit fordern. Das soll nicht heissen, dass soziale Verweigerung nicht eine mächtige Taktik sein kann, nämlich wenn es darum geht zu zeigen, wie sehr jemand gegen etwas bestimmtes ist und wie diese Person exklusiv mit seinem sozialen Kapital umgeht. Wenn aber der Gedanke um Reinheit im Vordergrund steht, dann ist soziale Verweigerung nutzlos und sektenhaft.

Problematische Organisationen

Eine andere Art und Weise, wie sich Reinheit in Form von "Cancel Culture" ausdrücken kann, ist, wenn eine Organisation in irgendeiner Weise speziesistisch, hierarchisch oder unterdrückerisch ist. Diejenigen, die gegen diese Organisationen protestieren, verlangen, dass die beteiligten Menschen (normalerweise die ideologisch verletzlichen und unbezahlten neu-veganen Freiwilligen) diesen Organisationen sofort aus Gründen der Reinheit abschwören. Wir müssen uns aber auch hier bewusst sein, dass Menschen aufgrund dieser Organisationen soziale, emotionale und finanzielle Unterstützungssysteme haben können, und wir müssen ebenso anerkennen, dass es nicht immer praktikabel und möglich ist, sich von einer gemeinnützigen Arbeit oder einem Chapter eines Franchises sofort zu trennen.

"Diensttiere"

"Was ist mit blinden oder sehbehinderten Menschen, die Hunde als 'Diensttiere' ausbeuten?" Diese Hunde sind zweifellos versklavt - ihre körperliche Autonomie und ihr Einverständnis werden verletzt - aber es ist auch für einige dieser blinden Menschen nicht möglich oder praktikabel ohne Hunde auszubeuten in dieser ableistischen Welt zu überleben. Reagieren wir darauf, indem wir den Speziesismus ignorieren? Nein, wir anerkennen, dass es speziesistisch ist, aber anerkennen ebenso, dass es derzeit nicht für jeden möglich ist, sich nicht an dieser Form der Ausbeutung zu beteiligen. Wir verurteilen Menschen nicht, die Medikamente einnehmen, die an Tieren getestet wurden; wir kämpfen gegen die Tierversuchsindustrie. Wir verurteilen blinde Menschen nicht dafür, dass sie Hunde ausbeuten, um zu überleben; wir kämpfen für eine Welt ohne Ableismus, die sich den verschiedenen Fähigkeiten, Arten und Körpern, die sie bewohnen, anpasst.

Zu guter Letzt:

Das Ziel dieses Beitrags ist, alle aufzufordern, die Verfolgung veganer Reinheit über Bord zu werfen. Purismus ist wahrscheinlich die unattraktivste (und rechteste) Eigenschaft des modernen Mainstream-"Veganismus" und wahrscheinlich ein Haupthindernis, die Solidarität von anderen sozio-politischen (linken) Bewegungen zu gewinnen. Wir sind oftmals puristisch, was unsere Ernährung, unsere Ideologie, unseren Lebensstil, unsere Sprache und unser Handeln angeht; wir bauen unsere Mauern sehr hoch und erwarten, dass alle dasselbe tun. Gegen den veganen Purismus zu sein, darf nicht mit dem "welfaristischen" Modell, "vegan" zu sein, verwechselt werden. Letzteres setzt nämlich voraus, dass speziesistische Gewalt für das "grössere Wohl" geduldetv werden soll, z.B. indem es Veganern empfiehlt, vor Nicht-Veganern Fischfleisch zu essen, um "weniger extrem" zu erscheinen, (uff..). Was wir fordern, kann leicht damit verwechselt werden, ist aber insofern davon zu unterscheiden, als dass wir Speziesismus völlig inakzeptabel finden, aber die Beteiligung an speziesistischen Situationen für manche Menschen unter gewissen Umständen unvermeidbar ist, und dass es keinen positivien Effekt hat, diesen Menschen gegenüber puritanisch zu sein.

Unser Feind ist der Speziesismus - und das bedeutet, dass wir seine Ideologie und Strukturen bekämpfen müssen. Das tun wir am effektivsten, wenn wir anstatt pedantisch mit einzelnen Menschen umzugehen, die Gründe für speziesistische Normen attakieren. Und das wiederum bedeutet eine Bewegung aufzubauen, die Speziesisten, "Tierschützer", Umweltschützer und nicht-vegane Linke näher an den Anti-Speziesismus heranführen kann, anstatt mögliche Verbündete zu verlieren.

Veganismus ist eine gesellschaftspolitische Bewegung, die sich gegen die gewalttätige Ideologie des Speziesismus und der menschlichen Vorherrschaft richtet; Veganismus ist in seinem Kern Anti-Speziesismus. Anti-Speziesismus zielt darauf ab, den Speziesismus abzulehnen und sich ihm zur Wehr zu setzen, soweit dies praktikabel und möglich ist. Gegen Speziesismus zu sein bedeutet erstens, die speziesistische Ideologie, Industrie und Gewalt direkt zu bekämpfen; es bedeutet, mit einer Vielfalt von Taktiken und verschiedenen Strategien gegen diese Strukuren und Vorstellung anzukämpfen. Gegen Speziesismus zu sein bedeutet, nicht-menschliche Tiere nicht direkt auszubeuten oder zu versklaven, sei es durch Züchtung oder Schlachtung, durch Jagd, durch ihre Ausbeutung zu Unterhaltungszwecken, durch Tierversuche usw. Die Ablehnung des Speziesismus äussert sich auch in Form einer Ernährungsumstellung für diejenigen, die dazu in der Lage sind, da das Fleisch und tierische Sekrete in ihrer Herstellung die körperliche Autonomie eines Individuum verletzten; wir tun dies nicht, weil wir naiv genug sind zu denken, dass wir den Kapitalismus damit aufhalten können. Hinsichtlich der Änderung des Lebensstils können menschliche Personen den Speziesismus ablehnen, indem sie keine Haut, Haare oder Sekrete von nicht-menschlichen Menschen tragen oder essen oder Produkte verwenden, die durch Tiere getestet wurden. Hinsichtlich der Veränderung der Sprache können wir versuchen, speziesistische Ausdrücke zu verlernen, die normalerweise unsere Kommunikation charakterisieren. Die Ablehnung und der Widerstand gegen Speziesismus geht mit dem Widerstand gegen den Kapitalismus und allen Formen der Unterdrückung einher, so dass die Arbeit gegen den Speziesismus mehr Menschen zu einem radikal linken politischen Standpunkt führen sollte.

Es gibt viele Aspekte des Anti-Speziesismus und viele Wege, ihn zu schwächen. Purismus ist keiner davon und innerhalb jeder Bewegung konterrevolutionär.


  1. Orgsymic, orgysmic.com