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«Open Rescue» – Tierbefreiungen demaskiert

Lara Biehl, 08.03.2022

Die Befreiung von Tieren aus Farmen, Laboratorien und anderen Einrichtung ist seit Langem Bestandteil der Tierbefreiungsbewegung. Tierbefreiungen werden in zwei verschiedene Aktionsformate eingeteilt: verdeckt-anonyme und offene. Erstere werden üblicherweise mit der Animal Liberation Front, ALF, identifiziert. ALF-Tierbefreiungsaktionen sind dadurch gekennzeichnet, dass die teilnehmenden Akteure schwarze, neutrale Kleidung und Sturmhauben tragen, um ihre Identitäten zu verschleiern. Seit Mitte der 1990er Jahre existieren neben verdeckten Tierbefreiungsoperationen vermehrt sogenannte Open Rescues. Die Open Rescue, wie der Name schon suggeriert, ist nicht verdeckt. Die Aktivist:innen geben ihre Identität nach der Aktion Preis und veröffentlichen die gesamte Dokumentation der Befreiung im Video- oder Bildformat entweder über konventionelle Medien, Websiten oder Social Media. Durch die Offenlegung der Identität sind Open Rescues einfacher dem zivilen Ungehorsam zuzordnen als verdeckte Befreiungen, was wiederum auf mehr Verständnis bei der Bevölkerung stossen soll. Open Rescues bergen aber auch Risiken. Das Aufdecken der Identität birgt für Aktivist:innen die Gefahr, weniger effizient zu sein oder sogar ganz aus dem Verkehr gezogen zu werden. Es sind aber nicht nur Aktivist:innen einem erhöhten Risiko ausgesetzt, ihre Freiheit aufs Spiel zu setzen, sondern auch die geretteten Tiere, die schon über die Identität der Aktivist:innen identifiziert und anschliessend entweder zurück in die Tierfabrik geschickt oder getötet wurden. Folglich stellt sich die Frage, welche strategischen Vorzüge die Aktionsform hat und welche Risiken sie birgt.

Tierbefreiung demaskiert: Die Entstehung der Open Rescue

Die erste Open Rescue fand 1993 statt und war eine Reaktion der australischen Aktivistin Patty Mark auf verdeckte Aufnahmen des Legehennenbetriebes „Alpine Poultry“, die ihr eine Bekannte, die dort arbeitete, zukommen liess. Die Aufnahmen zeigten Tausende Hennen, die in kleine Gitterkäfige eingepfercht waren. Es war zu sehen, wie Hennen, die aus den Käfigen entkommen konnten zwischen den Käfiggittern feststeckten oder im Bereich unter den Käfigen gefangen waren. Die Tiere starben einen langsamen und qualvollen Tod und die Mitarbeiter zeigten gegenüber den leidenden Hennen keine Empathie. Es war nicht das erste Mal, das Mark von den erschreckenden Zuständen in Eierfabriken erfuhr. Mark hatte sich bereits aktiv, aber erfolglos gegen die Batterienhaltung von Legehennen ausgesprochen und sich an legalen sowie illegalen Protesten beteiligt.1 Auch nachdem sie belastende Videobeweise gegen die „Alpine Poultry“ den Behörden vorlegte, reagierten diese erneut nicht und liessen die Tierquälerei gewähren. Mark entschied sich als Folge, die Rettung der Hennen in die eigene Hand zu nehmen.2 Am 5. März 1993 brachen Mark und befreundete Aktivist:innen in den Betrieb ein und nahmen die kränksten und schwächsten Tiere mit. Mit umfangreichen Video- und Bildaufnahmen dokumentierten sie die Lebensbedingungen der Hennen und ihre Befreiung. Im Anschluss informierten die Beteiligten die Polizei und die Medien und schilderten den Vorgang der Aktionen. Unter dem Titel „The Dungeons of Alpine Poultry“ wurden die Bilder medial aufbereitet und scharfe Kritik an der Eierfabrik geübt. Die Medien portraitierten aber nicht nur das Leid der Hühner, sondern auch die Rolle der Aktivist:innen und ihre Entscheidung, sich öffentlich zu der Aktion zu bekennen. Vor allem Letzteres führte zu einer anderen Wahrnehmung der Tierbefreiungen. ALF-Aktionen, auch wenn sie in ihrer Struktur Open Rescues ähnlich sind, fanden nur wenig positive Resonanz in der breiten Bevölkerung, da die Maskierung und Sachbeschädigung eher mit kriminellen Handlungen assoziert wird. Mark und ihr Team haben im Gegensatz positive Bestätigung und Zuspruch erhalten.3 Tierbefreiungen mit Offenlegung der eigenen Identität erlebten seit der Erstdurchführung von Mark einen Boom und werden heute von vielen Aktivist:innen verdeckten Aktionen gegenüber bevorzugt.

Der Erfolg und die heutige Beliebtheit dieser Aktionsform kann am einfachsten durch drei Ansätze erklärt werden:

  • Historisch-strategischer Ansatz: Der für die Konsumenten nicht hinreichend spür- oder sichtbare Aufbau der Massentierhaltung führte zur Distanzierung der Verbraucher mit dem konsumierten Produkt. Öffentlich gemachte Tierbefreiungen und Dokumentationen ihrer Lebensbedingungen sowie die Portraitierung des Menschen in der Rolle als Befreier, versuchen diese Distanzierung aufzuheben. Diverse Kampagnen aus dem Tierrechtsaktivismus zeigen, dass schockierende Bildmaterialien, wenn richtig präsentiert, eine grosse Reichweite erlangen und Veränderungen provozieren können. Offenheit führt angeblich zu mehr positivem Interesse an den Geschehnissen als Anonymität und ermöglicht Raum für Gespräche und Debatten.
  • Ideologischer Ansatz: Die Open Rescue ermöglicht es Aktivist:innen, das unbefugte Betreten von privatem Raum sowie das illegale Entwenden von Tieren als einen Akt zivilen Ungehorsams zu rechtfertigen, was bei verdeckten Befreiungen, die mit Sachbeschädigung einhergehen, schwieriger ist.
  • Repräsentativer Ansatz: Die gezielte Abgrenzung zur ALF ermöglicht es Open Rescue-Aktivist:innen sich vom negativen Image verdeckter Aktionen zu distanzieren.

Im Folgenden werden alle drei Faktoren diskutiert.

Patty Mark Patty Mark - die Gründerin der Open Rescue6

Der historisch-strategische Ansatz: Aufklärung durch Bildmedien

a.) Der heimliche und rasante Aufstieg der intensiven “Nutztierhaltung”

Die ersten Open Rescues unter Marks Leitung wurden stark medial aufbereitet und in ganz Australien diskutiert. Massentierhaltung und intensive “Nutztierhaltung” waren für viele Menschen keine alltäglichen Begriffe und vor allem nicht etwas, das sie im eigenen Land vermuteten.4 Aktivist:innen nahmen diese allgemeine Unwissenheit oder Ignoranz gegenüber den Schrecken der modernen Tierausbeutung zur Kenntnis und setzten vermehrt Bildmedien als effektive Strategie zur Aufklärung ein. Sie stützten sich dabei auf die These, dass durch die fast heimliche aber rasante Entwicklung der intensiven “Nutztierhaltung”, die Menschen den emotionalen sowie empathischen Zugang zu den Lebewesen, die später zu Nahrungsmittel verarbeitet werden, verloren haben und nur die Konfrontation mit der Realität eine Verhaltensänderungen provozieren vermag.5

Die Entwicklung zu immer weniger, aber dafür intensiver genutzten und grösseren Farmen, zieht sich bis heute fort.7 Im Beispiel von Australien ist die Anzahl von Farmen in den Jahren von 1982 bis 2003 um ein Viertel zurückgegangen, wobei sich aber gleichzeitig der Konsum von tierischen Erzeugnissen stetig weiterentwickelt hat.8 Das intensive Halten von Tieren auf kleiner Fläche ermöglicht nicht nur die effizientere Nutzung von Land, sondern führt auch zur Kostensenkung von Personal, Reinigung und Futter. Die intensive Haltung entwickelte sich im Verlauf des 18. zum 19. Jahrhundert. Die freie Haltung von Tieren rund um Bauernhöfe und in urbanen Gegenden verlagerte sich auf abgelegene, industrialisierte und zentralisierte Farmen. Ausschlaggebend für diese Entwicklung war die Erfindung neuer Technologien und die darauffolgende ökonomisch strategische Nutzung von Raum. Maschinelle Arbeitsabläufe lösten einzelne Arbeiter ab und Farmmitarbeiter betrachteten sich vermehrt als Produzenten und Techniker als als “Fürsorger”.9 Aus historischer Sicht ist die Entwicklung zur intensiveren und kostengünstigeren Haltung von Tieren zu einem gewissen Teil ökonomisch zu erklären. Profitmöglichkeiten haben eine essenzeille Rolle gespielt, die Schaffung von günstigen und allen Gesellschaftsschichten zugänglichen tierischen Lebensmittel war aber auch ein Mittel, Mangelernährung vorzubeugen und den allgemeinen Lebensstandard zu erhöhen, da der Konsum von Fleisch als Statussymbol und Zeichen des Wohlstandes galt.10 Diese mehrdimensionale Stellung – also einerseits das ökonomische Potential und andererseits die Erhöhung des schichtenübergreifenden Lebensstandards – die das Angebot und der Konsum tierischer Produkte beinhalteten, kann am Beispiel des Aufbaus der Hühnerindustrie deutlich gemacht werden. Noch bis fast zur Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Haltung von Hühnern zur Herstellung von Fleisch ungewöhnlich und diente vorrangig der Eierproduktion. Hühnerfleisch war deshalb ein Luxusgut. Dies änderte sich Ende des 19. Jahrhunderts. Der aus New Jersey stammende Joseph P. Wilson revolutionierte die Aufzucht von Küken, indem er einen Inkubator erfand, der mit heissem Wasser angetrieben wurde und bis zu 400 Eier auf einmal beherbergen konnte. Da durch den neuen Inkubator viele Küken gleichzeitig aufgezogen werden konnte, transportierte Wilson sie anschliessend erstmals über längere Strecken mit der Bahn und konnte Interessenten, die nicht in der Nähe lebten, beliefern. 1918 existierten in den USA bereits 52 Brütereien, neun Jahre später waren es mehr als 10’000. Je grösser die Nachfrage wurde, desto mehr konkurrierende Brütereien und Aufzuchtbetriebe öffneten ihre Tore, die den Preis für Hühnerfleisch stetig niedriger drückten. 1925 wurden im Staat Delaware 50’000 Hühner zu Nahrungszwecken verkauft und getötet und 1934, knapp 10 Jahre später, waren es sieben Millionen.11 Das Modell der effizienten Haltung sowie der Fortschritt in der genetischen Veränderung der Tiere wurde von den USA rasch in andere Industrieländer exportiert und führte dazu, dass Hühnerfleisch sich vom Luxusgut in eines der günstigsten Nahrungsmittel transformierte.12 Offene (sowie oftmals auch verdeckte) Befreiungen versuchen diese Entwicklung transparent zu machen, indem sie nicht nur aufzeigen, wie in diesem Falle Hühner leben und sterben müssen, sondern sie versuchen auch aufzuzeigen, dass es sich bei Hühnerfleisch nicht um ein Produkt, sondern um die Überreste eines fühlenden, echten Individuums gehandelt hat.

b.) Der Drang, die Wahrheit ans Licht zu bringen: Verdeckte Aufnahmen als effektives Mittel für den Tierbefreiungsaktivismus

Der heimliche Aufbau der intensiven Nutztierhaltung, der von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde, führte dazu, dass die Tierbefreiungsbewegung ab Mitte der 1990er Jahre vermehrt strategisch auf Bild- und Videoformate setzte.13 Bildmedien sollten dazu verhelfen, Konsument:innen einen Einblick in die Industrie zu geben und sie so nahe wie möglich an die Realität heranzuführen. Dass solche Strategien wirksam sind, konnte die Bewegung bereits bewiesen. Eines der berühmtesten Beispiele ist die Veröffentlichung und Dokumentation der Befreiung des Bärenmakaken Britches durch ALF-Aktivist:innen (mehr zu Britches Befreiung findest du ihm Artikel zu der ALF). Nicht nur Organisationen integrierten diese Form des Aktivismus in ihre Strategie. Auch Privatpersonen begannen im kleineren Rahmen vermehrt selbstgedrehte, amateurhafte Videodokumentationen zu veröffentlichen. Steve Hindi, Gründer der Organisation SHowing Animals Respect and Kindness (SHARK) war einer der Ersten, der im Alleingang durch diese Taktik Druck auf Behörden ausübte. Hindi vertritt die Idee, dass Menschen nur mit konfrontativen Kampagnen und explizitem Bildmaterial dazu veranlasst werden, Tierquälerei abzuschwören und ähnlich wie bei Mark entstand auch Hindis Einstellungen aus der Erkenntnis, dass Behörden keine Untersuchungen veranlassten, wenn sie nicht unter öffentlichem Druck standen.14 Videobeweise sind strategisch deshalb nicht nur sinnvoll, die Meinung der Öffentlichkeit zu beeinflussen, sondern auch gewisse staatliche Institutionen zur Verantwortung zu ziehen.15 In diesem Punkt schneiden sich verdeckte und offene Befreiungen.

Der ideologische Ansatz: Grundpfeiler der Open Rescue

Der Erfolg der Open Rescue war in Australien anfangs gross und läutete eine neue Ära des Aktivismus für die Befreiung der Tiere ein. Nicht nur wurde diese Form des Aktivismus weltweit adaptiert, sondern sie entwickelte sich kontinuierlich weiter. Alle Organisationen oder Individuen, die Open Rescues ausführen, teilen die Auffassung über die Integration folgender Kriterien:

1.) Tierbefreiung: Es müssen ein oder mehrere Tiere befreit werden. 2.) Gewaltlosigkeit: Alle Formen der Gewalt, einschliesslich das Beschädigen von Eigentum, werden abgelehnt. Die einzige Ausnahme ist, wenn Eigentum beschädigt werden muss, um an die Tiere zu gelangen. 3.) Veröffentlichung: Video- oder Bilddokumentationen müssen entweder durch konventionelle Medien, Aktivistenpresse oder Social Media öffentlich gemacht werden. 4.) Offenlegung der Identität: Mindestens eine Person muss sich zu der Aktion bekennen.16

Die Open Rescue baut vor allem auf der dritten und vierten Richtlinie. Sie ist bei ALF-Aktionen nur fakultativ oder kann sogar vernachlässigt werden, wenn ihre Durchführung zukünftigen Aktivismus gefährdet. Es gibt zwar auch viele ALF-Aktionen, die ihren Weg in die Öffentlichkeit fanden, so wie die Befreiung von Britches - Open Rescues müssen aber immer veröffentlicht werden, da das essenzielle Kriterium der Bekennung nur funktioniert, wenn die Identitäten der Aktivist:innen entweder durch konventionelle Medien oder soziale Netzwerke publiziert werden.

Es versteckt sich aber noch ein weitere Komponente hinter der Demaskierung: Normalisierung. Marks Ziel war es, durch die Open Rescue nicht nur ein erhöhtes Bewusstsein für die Ausbeutung von Tieren zu erzeugen, sondern die Entwendung von Tieren aus ihrer misslichen Lage als eine Tugend und keine Straftat darzustellen. Tierbefreiungen sollen ein Akt der Zivilcourage ausdrücken, der weder verdeckt noch im Geheimen stattfinden soll. Bilder von maskierten Aktivist:innen, so Mark, geben dem Betrachter das Gefühl, dass etwas getan wird, das falsch und erklärungsbedürftig ist. Mit der offenen Befreiung von Tieren versuchte Mark diese Rhetorik umzukehren und die “kriminelle” Komponente der Aktionen durch den dringenderen Ruf nach Hilfeleistung zu entkräften: „Clearly we were not breaking the law by giving aid to animals who were trapped and slowly starving to death and in great torment“.17 Michal Kolesár, ein in Tschechien aktiver Open Rescue-Aktivist, vertritt dieselbe Auffassung wie Mark und identifiziert die Offenlegung der Identität nicht nur als Mittel, grössere Teile der Konsument:innen zu erreichen, sondern er sieht keinen Grund sich zu maskieren, wenn seine Tat eine moralisch richtige ist:

I do not respect the status quo that protects, supports and legitimizes animal abuse. I do not run away, I do not hide my identity, I say my name to a camera, I say my ID number, I publish the recordings from the actions. It is easier to identify with the horror of the slaughterhouse (which makes my fists clenched so much I could die) when what can be seen is a real human face that shares the sheer dread with the animals.18

Gesetze, die die Ausbeutung und Gewalt gegenüber Tieren legitimieren, werden von Aktivist:innen wie Kolesár und Mark nicht anerkannt. Kolesár hebt zudem heraus, dass Open Rescues aus strategischer Sicht verdeckten Befreiungen vorzuziehen seien, weil die Reaktionen und Emotionen, die die Aktivist:innen zeigen, von Betrachtern der Bildmaterialen verstanden werden können und dies zu mehr Empathie gegenüber den Tieren führt. Die Öffentlichkeit erhält so ein Mittel, sich durch die Befreier:innen und deren Sorge um die Tiere, mit ihnen zu identifizieren und sich in sie einzufühlen.18 Demaskierung und vollständige Gewaltlosigkeit nehmen den Aktionen die militante Komponente und lassen sie philosophisch einfacher unter Akte des zivilen Ungehorsams einordnen.

Es werden normalerweise vier Kriterien aufgeführt, der ziviler Ungehorsam beinhalten muss:

  • Gesetzesbruch: Ziviler Ungehorsam besteht notwendigerweise aus einer gesetzeswidrigen Handlung.19 Diesen Bestand erfüllen offene sowie verdeckte Befreiungen.
  • Gewissenhaftigkeit: Die Aktion dient dazu aufzuzeigen, dass gewisse Gesetze, die unmoralische Praktiken zulassen oder schützen, falsch sind. Auch dieses Kriterium können beide Arten der Befreiung erfüllen. Open Rescue-Aktivist:innen können sich direkt dazu äussern und Stellung nehmen, während ALF-Aktionen Signaturen oder Graffitis nutzen, um ihren Unmut über gewisse Gesetze auszudrücken.
  • Kommunikation: Die Aktion darf nicht nur den Unmut von Aktivist:innen über gewisse ungerechte Gesetze zum Ausdruck bringen, sondern ihre Anliegen und Forderungen müssen publik gemacht werden. Open Rescues nutzen neben Zeitungen und Social Media oftmals Verhaftungen und Gerichtstermine, um auf ihre Sache aufmerksam zu machen.20 Dieser Aspekt der Kommunikation ist bei verdeckten Aktionen meistens abwesend, da die Beteiligten aufgrund der Anonymität öffentlich keine persönliche Stellung nehmen können oder wollen.
  • Gewaltlosigkeit: Zerstörung von Eigentum zählt im Diskurs um den zivilen Ungehorsam fast immer als Gewalt. Da die Anwendung von Gewalt offenbar den zivilen Charakter der Aktion untergräbt, werden Aktionen die Sachbeschädigung beinhalten nicht dem Konzept des zivilen Ungehorsams zugeordnet. ALF-Aktivist:innen zerstören oft persönliche Gegenstände der Zielpersonen, um neben der Befreiung finanziellen Schaden zu generieren.21 Open Recue-Aktivist:innen lehnen Sachbeschädigung ab.

Die Open Rescue erfüllt somit jedes Kriterium, um dem zivilen Ungehorsam zugeordnet werden zu können.

Kolesár Kolesár bei einer offenen Befreiung.29

Open Rescue Patty Mark und weitere Aktivistinnen bei einer offenen Befreiung.

Der repräsentative Ansatz: Die Abgrenzung zur ALF

Die Enthüllung der Identität der Aktivist:innen ermöglichte den Medien mit ihnen in direkten Kontakt zu treten, ihre Motivationen zu ergründen und über die Bild- und Videobeweise zu sprechen.22 Wo ALF-Aktionen auch medial oftmals mit Konzepten wie „Terrorismus“ und Beschreibungen wie „Tierrechtsextremismus“ und „Radikalismus“23 in Verbindung gebracht werden, sind Open Rescue-Aktivist:innen, obwohl sich die Aktion in der Form (Befreiung von Tieren, Dokumentation der Umstände) gleichen, schwieriger zu dämonisieren, da sie öffentlich für ihr Anliegen einstehen und sich erklären können.24

Mark war der Auffassung, dass der Ruf der militanten Tierbefreiungsbewegung unter ihrer Einordnung als terroristische Gefahr gelitten hat. In vielen Ländern zählt die ALF als inländische öko-terroristische Gruppierung.25 Mark reagierte bewusst auf dieses Problem, indem sie nicht nur ihre Identität preisgab und somit ideologisch in der Lage war, Tierbefreiungen den illegitimen Charakter zu nehmen, sie lehnt zudem jegliche Anwendung von Gewalt gegen Eigentum.

"There is a fear of violence, a sense that these cloak-and-dagger style operations have no place in a “civilized” society. It is the activists, in other words, that tend to be envisioned as the ones causing harm in this version of events." (Keri Cronin in einem Artikel über Mark)2

Die Ablehnung von “Gewalt” ist für Mark essenziell, um die zwei Hauptziele, die die Open Rescue hat, nämlich das Retten von Tierleben und die Überbringung einer Botschaft an die Öffentlichkeit, so effizient wie möglich zu erreichen. Nur, wenn weder Mensch, Tier oder Eigentum geschädigt und somit die Freiheit aller respektiert wird, sei es möglich, auf positivem Wege Veränderung zu generieren.26 Die Kombination aus Offenlegung der Identität und strikter Gewaltlosigkeit führten dazu, dass die Open Rescue medial und öffentlich positivere Resonanzen als ALF-Tierbefreiungen erhielt oder zumindest weniger Angriffsfläche für die Anwendung von zeitgenössischen Terrorismus-Konzepte auf offene Befreiungen bietet.27

Bei einem internationalen Treffen, dem United Poultry Concern Forum On Direct Action for Animals, in New York im Jahre 1999 stellte Mark ihre Ergebnisse bezüglich der Vorteile von Open Rescues amerikanischen ALF-Aktivist:innen vor. Mark zeigte in dieser Konferenz zwei Videos, eines einer ALF Befreiung von Labortieren in Minnesota und eines einer Open Rescue von Legehennen in Australien. Die Aktivst:innen sahen sich beide Videos an und analysierten die Wirkung, die sie auf sie hatten. Die Anwesenden fassten die Open Rescue mehrheitlich positiv auf und betonten, dass ihnen die Aktivisten sympathisch waren und die Offenheit über die Identität es fördere, sich mit ihnen identifizieren zu können. Im Gegensatz dazu meinten die Aktivisten, dass die Befreiung der ALF aufgrund der kompletten Verhüllung der Teilnehmer eher bedrohlich wirke und die Aufnahmen hastig gefilmt wurden. Diese Eindrücke erklärten sie sich damit, dass Open Rescuer-Aktivisten dadurch, dass sie sich sowieso zu der Aktion bekennen werden und keine Sachbeschädigung anrichten, sich mehr Zeit nehmen, die Tiere von nah zu filmen und ihr Leiden ausgiebig zu dokumentieren. In einer Diskussion bemerkten die Aktivisten, dass die eher negative Auffassung der ALF-Aktion aber nicht zwingend aus der Anonymität resultieren muss, sondern kann damit erklärt werden, dass der Unterschied zwischen sterilem Labor und dreckiger, lauter Batterienanlage eine gänzlich andere Wirkung erziele. Dazu kommt, dass die ALF und die Open Rescue-Bewegung verschiedene Ziele verfolgen. Vor allem die Publizierung der Identitäten zielt strategisch auf positive oder zumindest nicht von überwiegend negativer Terminologie geprägte mediale Aufmerksamkeit ab. Das übergeordnete Ziel der ALF ist in erster Linie nicht die Veröffentlichung von Bildmaterial, sondern die langfristige Befreiung von Tieren und Öko-Sabotage. Das Forum stimmte aber überein, dass die Offenlegung der Identität zu einer Entradikalisierung führe und den Fokus effizienter auf die Opfer lege.28

Ein Ausblick in die Zukunft der Open Rescue: Personenkult, Selfies mit leidenden Tieren und Staatsrepressionen

Die direkten Folgen für die Tiere durch die neue Form des Tierbefreiungsaktivismus sind mehrschichtig, aber bisher nicht allzu weitreichend. Genau wie bei verdeckten Befreiungen ist die direkteste Folge ein Leben in Freiheit und ohne Ausbeutung für die geretteten Tiere. Die Menge an geretteten Individuen ist bei Open Rescues aber zwangsweise niedriger als bei klassischen ALF-Aktionen. Dies vor allem auch, weil das offene Format der Open Rescue sich höchstens für die Befreiung von kleineren Tieren wie Legehennen oder Kaninchen eignet. Die Offenlegung der Aktion geht immer mit der Gefahr einher, dass Behörden die geretteten Tiere suchen und wieder zurückbringen. Da Kleintiere schwieriger rückverfolgt und identifiziert werden können, ist die Gefahr niedriger, dass die Tiere wieder in Gefangenschaft geraten. Verdeckte ALF-Aktionen sind somit eher in der Lage, auch andere Tiere wie Schweine, Rinder, Schafe und Labortiere zu retten.30 Eine weitere Folge von Open Rescues ist die Förderung des öffentlichen Diskurses über die Legitimität von zeitgenössischen Farmpraktiken, die Aufdeckung von Missständen sowie die Normalisierung von illegalen Befreiungen.31 Die Gesetzeslage nachhaltig ändern, konnte die Open Rescue bis auf eine Ausnahme aber nicht. Selbst nach jahrelangem legalem Lobbying gefolgt von illegalen Aktionen und vielen Open Rescues besteht die Batterienhaltung in Australien immer noch.32

Im Folgenden werden mögliche Schwierigkeiten und Probleme – strategische sowie ideologische – der Open Rescue diskutiert.

(1) Sympathieträger und mediale Berichterstattung: Etwa bis Anfang des 21. Jahrhunderts zirkulierten die Berichterstattungen über Aktionen zum Grossteil zwischen öffentlichen Medien und den Aktivistenplattformen.33 Der mediale Rummel, den die Aktionen rund um die Alpine Poultry ausgelöst hatte, hielt nicht an. Aktivist:innen sind von der Gunst der Medien abhängig, da diese entscheiden, über welche Aktion sie berichten und in welchem Masse. Es ist zu beobachten, dass die Medien entweder Geschichten an charismatischen Personen aufziehen (wie im Falle von Mark, die in Australien nationale Bekanntheit hat)34 oder an provokanten und kontroversen Aktionen festmachen (DxEs Handlungen gegen den angeblich tierfreundlichen Konzern Whole Foods). Die Schaffung von charismatischen Sympathieträgern oder die Intensivierung von Druck auf Unternehmen ermöglicht es den Medien, eine Konstante in die Berichterstattungen zu integrieren, die die Aktionen interessanter macht. Eher unbekannte, lokale und wenig vernetzte Aktivisten haben nur geringe Chancen auf eine ausgiebige und positive Berichterstattung über ihre Open Rescue.

(2) Gegenangriffe von Landwirten: Gezielte Gegenmassnahmen von Bauern führen dazu, dass Berichterstattungen erschwert werden. In einem Interview aus dem Jahre 2004 äusserte sich Mark zur aktuellen Situation der Open Rescue und berichtete, dass die Berichterstattungen über ihre Befreiungen vermehrt auf Desinteresse stossen und sie Schwierigkeiten hat, überhaupt noch in nationale Medien zu kommen.27 Aktivisten zufolge hängt diese Entwicklung damit zusammen, dass Landwirte Aktivisten nicht mehr wegen kleineren Vergehen anzeigen oder Anzeigen fallen lassen, bevor ein Gerichtstermin ausgemacht wird.4 Da vor allem die auf die Aktionen folgenden Gerichtsprozesse ausgiebig von den Medien dokumentiert wurden, können Bauern und Landwirtschaftsverbände die für sie negativ ausfallende Berichterstattung vermeiden, wenn sie den Aktivisten keine zusätzlichen Plattformen geben, um Videos zu zeigen und über die Misstände der intensiven Nutztierhaltung zu sprechen.

(3) Der Einsatz von Social Media: Viele junge Open Rescue-Aktivist:innen antworten auf diese zwei Herausforderungen, indem sie versuchen, sich weniger von konventionellen Medien abhängig zu machen. Jüngere Aktivist:innen nutzen vorwiegend die Social Media Plattform „Instagram“, um Bilder und Videos von Tierbefreiungen zu verbreiten. Instagram, im Gegensatz zu Facebook und Twitter, basiert ausschliesslich auf dem Teilen von Bildmedien. Ein Nutzer kann dabei ein Bild oder ein Video öffentlich teilen und mit Hashtags versehen. Dadurch ist das Bild nicht nur für Personen sichtbar, die dem Nutzer folgen, sondern auch für diejenigen, die sich Bilder, die mit einem bestimmten Hashtag versehen sind, ansehen. Damit erzielen Aktivisten eine grössere Reichweite. Die Schweizer Tierrechtsorganisation „Pour l’Égalité Animale” (PEA) beispielsweise, hat 2017 eine verdeckte Untersuchung in Pouletmastbetrieben der Marke Optigal, die zu der Migros-Gruppe gehört, durchgeführt. PEA hat Bilder und Videos dieser Aktion über Instagram geteilt und mit Hashtags wie #migros #pouletsuisse #optigal versehen und mit dem Instagram-Profil der Migros verlinkt.35

Die Posts der Open Rescue-Aktivist:innen auf Social Media unterscheiden sich in der Darstellung sowie Beschreibung nicht sonderlich von konventionellen Hit Reports der ALF. Aktivist:innen posten meistens Bilder, auf denen sie und das gerettete Tier abgebildet sind, gefolgt von einem Kommentar über die Lebensverhältnisse des Tieres und warum diese schädlich oder grausam sind. Die Verlagerung der Publikation von Tierbefreiungen in sozialen Medien scheint eine logische Entwicklung aus der Struktur von Open Rescues zu sein, denn Social Media bietet nicht nur die Möglichkeit, Inhalte mit Tausenden von Menschen zu teilen, sondern gibt den Aktivisten die Möglichkeit, Bilder der Befreiungen so zu präsentieren, wie sie das möchten. Aktivist:innen sind somit in der Lage selbständig konstante Berichterstattungen zu liefern und sind nicht vom Publikationsinteresse der Medien abhängig.

Die Publikation von Aktionen über soziale Medien hat auch ihre Schattenseiten. Verschiedene Aktivist:innen sehen sich mit Vorwürfen konfrontiert, die Aktionsform der Open Rescue als Mittel zu nutzen, sich selbst zu profilieren und Followers zu gewinnen, indem sie speziesistische Einstellungen und speziesistische Rhetoriken gebrauchen. Ein australisches Model beispielsweise, präsentierte ihren 70’000 Followern auf Instagram Videos einer Rettungsaktion von Ferkeln. Ein Tag darauf veröffentlichte sie ein Foto von sich und dem Ferkel auf ihrem Grundstück. Durch den Post waren Behörden in kürzester Zeit in der Lage, die Aktivistin ausfindig zu machen. Die Schweine wurden folglich retourniert und getötet.36 Eine wiederkehrende Kritik an der Aktionsform ist somit ihre Darstellung. Nicht nur werden Aktivist:innen werden beschuldigt, das Leiden der Tiere zu nutzen, um sich selbst einen Heldenstatus zu verleihen, sondern auch aktiv speziesistische Normen zu befördern. Open Rescue Aktivist:innen argumentieren oft, dass ihre Anwesenheit auf den Bildmaterialen eine Berechtigung haben, da die Integration von Menschen in den Bildern zu einem gesteigerten Interesse führen soll. Vor allem die ALF, die auch aus ideologischen Gründen den Menschen von Tierbefreiungen abstrahieren möchte, befürchtet, dass Tiere somit eher als passive Requisite als als aktive Akteure für ihren eigenen Befreiungskampf portraitiert werden. Die Kritik ist ähnlich wie die zum White-Saviour Komplex, eine Bezeichnung die auf weisse Menschen referiert, die beispielsweise in Länder Afrikas reisen, um sich als selbsternannte Retter:innen zu inszenieren. Marginalisierte Mensche werden dabei oftmals als rückständig, unqualifiziert und hilflos dargestellt – wobei darauf der Anschein geweckt wird, dass nur die weisse Person in der Lage ist, Fortschritt zu bringen oder Hilfe zu leisten. Der White-Saviour Komplex reproduziert und verstärkt postkoloniale Machtstrukturen, indem nicht die Stimmen und die bereits geleistete Arbeit von den Menschen vor Ort verstärkt und der Fokus auf ihren Kampf gelegt wird, sondern die – ironischerweise – meist unqualifizierte weisse Person nur aufgrund ihrer "Weissheit" ins Zentrum gerückt wird. Kritiker:innen von Open Rescues sehen Parallelen zum Saviour-Kompex in der offenen Aktionsform, da die bereits marginalisierte Gruppe von Lebewesen in den Hintergrund gedrängt wird und der Unterdrücker, der Mensch, sich als primäre Figur in den Vordergund des Befreiungskampfes stellt. Die weit verbreitete Vorstellung, dass Tiere keine Akteurschaft tragen und komplett hilflos sind, kann somit verstärkt werden, da der Mensch die aktive Rolle des Retters und Befreiers ausfüllt. Auch bei ALF-Aktionen werden Tiere von Menschen befreit. Viele ALF-Aktivist:innen wenden aber ein anderes Narrativ an, wenn sie über Befreiungen sprechen. Sie sehen ihre Rolle nicht so stark als “Befreier” sondern als Hilfeleister an, um den Tieren, die tagtäglich individuellen und kollektiven Widerstand in Farmen so wie in Schlachthäusern leisten, in ihrem Befreiungskampf zu assistieren.

Instagram Bild Die Aktivistin posierte mit dem geretteten Ferkel und gefährdete somit seine Sichherheit und Freiheit. Viele ALF-Aktivist:innen kritisieren die Ausführung von Open Rescues. Es wird den Aktivist:innen vorgeworfen, das eigene Image und die Selbstinszenierung über das Wohl des befreiten Individuums zu setzen oder seine Ausbeutung sogar als Mittel zum Zwecke zu nutzen. Das Bild wurde von The Animalist zensiert.

Leah Doellinger Die Aktivistin Lea Doellinger bei einer Open Rescue. Durch die Offenlegung ihrer Identität und die Verbreitung der Bilder über soziale Medien wurde Leah bereits mehrere Male verhaftet. Sie hat über 32'000 Followers auf Instagram und ihre Beiträge wurden regelmässig geteilt und weiter verbreitet.

(4) Staatsrepression: Im Jahre 2006 erweiterten die USA die rechtlichen Folgen von illegalem Tierbefreiungsaktivismus und ordneten radikale Formen davon (darunter Diebstahl, das Betreten fremden Eigentums und Tierbefreiungen) unter dem Animal Enterprise Terrorism Act (AETA) ein.37 Eine ähnliche Entwicklung ist auch in Australien zu beobachten. Am 1. August 2019 beschloss das australische Parlament eine Strafrechtsänderung zum Schutz von Landwirten zum Criminal Code Act 1995 hinzuzufügen. Das neue Gesetz beinhaltet zwei neue Vergehen. Das erste ist das unbefugte Betreten fremden Grundstücks und das zweite das Zerstören, Verändern oder Stehlen von landwirtschaftlichem Eigentum. Beide Vergehen sind mit dem Umstand verknüpft, dass Aufnahmen von den Farmen und Orten gemacht und durch Plattformen wie Social Media, Webseiten oder Blogs geteilt werden. Jemand, der des widderrechtlichen Betretens von landwirtschaftlichem Grundstück als schuldig gesprochen wird, muss neuerdings mit 12 Monaten Gefängnisstrafe rechnen, Aktivist:innen, die sich im Rahmen von offenen oder verdeckten Tierbefreiungen schuldig machen, können sogar bis zu fünf Jahre Gefängnisstrafe erhalten.38 Das Gesetz zielt nicht darauf ab, Landwirte vor physischen Angriffen zu schützen, sondern es wirkt der Schädigung von landwirtschaftlichen Primärproduktionsgeschäften durch Veröffentlichung von illegal gewonnenen Videos und Bildern entgegen.39 Zu erklären ist die Verschärfung des Gesetzes in Australien teilweise mit der Zunahme der Häufigkeit von illegalen Aktionen sowie durch eskalierende Taktiken.40 In Australien folgte das neu lancierte Gesetz auf zahlreiche Massenaktionen, in denen Aktivisten entweder Farmen besetzten, Tiere befreiten oder in Städten protestierten. In einer Aktion vom März 2019 zum Beispiel, besetzten über 150 Aktivisten einen Milchbetrieb und streamten die Zustände, die sie dort vorfanden, über Instagram und Facebook live, wodurch die Aufnahmen auch in Zeitungen gelangten. Ein weiterer Faktor, der zu erhöhter Spannung zwischen Aktivisten und Landwirten führte, ist der in 2018 erstmals ausgestrahlte Film „Dominion”, der über die verschiedensten Arten, wie Tiere für menschliche Zwecke genutzt und missbraucht werden, aufklärt. Viele Aufnahmen aus australischen Massentierhaltungsfarmen sind durch versteckte Kameras, Drohnen oder illegale Untersuchungen aufgezeichnet worden. Der Film hat nicht nur aufgrund seines enthüllenden Charakters internationale Bekanntheit erreicht, sondern auch, weil die Macher berühmte Personen wie Schauspieler Joaquin Phoenix, Schauspielerin Rooney Mara und Sängerin Sia als Sprecher mit an Bord holen konnte.

Des Weiteren hat die australische Non-Profit Organisation „Aussie Farms”, die aufgrund ihrer gut dokumentierten Untersuchungen in Massentierhaltungsfarmen und Schlachthöfen zu internationaler Bekanntheit gelangte, 2019 eine virtuelle Karte, auf der über 6’000 Nutztierbetriebe und Schlachthöfe abgebildet sind, veröffentlicht. Die Karte diene laut Aussie Farms dazu, mehr Transparenz zu schaffen, da Adressen von Mastanlagen und Schlachthöfen meistens nicht einfach ausfindig zu machen sind.41 Nachdem Aussie Farms die Karte zur Verfügung stellte, häuften sich Vorfälle, in denen Aktivisten in Farmen einbrachen und Bilder veröffentlichten. Der Verband MLA (meat and livestock), die NFF (National Farmer’s Federation), sowie die Red Meat Industry veröffentlichten umfangreiche Artikel über die potentiellen Gefahren, die Landwirte durch die Veröffentlichung der interaktiven Karte zu befürchten haben. Die Verbände appellierten an die Regierung, die Landwirte vor Angriffen der Aktivisten zu schützen.42 Vor allem die NFF hat Landwirte und Bevölkerung dazu aufgefordert, aktiv gegen Aktivisten vorzugehen und boten Strategien an, wie dieses Ziel erreicht werden kann. Diese Handlungsempfehlungen reichten vom Einreichen von Beschwerden auf Facebook über die von Aussie Farms veröffentlichte Inhalte über die Ermutigung, Anzeigen bei der Polizei über die illegal aufgenommene Bilder von Aussie Farms einzureichen bis zu Lobbying und Beschwerdebriefe an Behörden.43 Der australische Premier Minister Scott Morrison stellte sich auf die Seite der Landwirten. Nach der Veröffentlichung der Karte und nationalen Protesten von Tierrechtsaktivisten bezeichnet der Premier die Aktivisten als „shameful and un-Australian”.44 Morrisons Grund für seine Unterstützung der Landwirte war aber nicht nur seine persönliche Ablehnung des Tierrechtsaktivismus. Die sich häufenden Zusammenstösse zwischen Aktivisten und Farmern erhöhten den Druck der Agrarverbände auf Morrison. Morrison antwortete auf den erhöhten Druck, dass er die Gesetze, die die Bestrafung von Aktivisten regeln, intensivieren will – mit speziellem Fokus auf Aktivisten, die illegal gewonnene Medien oder Informationen im Internet teilen: “Those laws have been introduced to criminalise these actions of these cowardly keyboard warriors who incite crimes”,45 so Morrison. Des Weiteren setzte Morrsion bei den bevorstehenden Wahlen auf die Unterstützung der Agrarindustrie. Um diese Unterstützung nicht zu verlieren, musste Morrison die Spannungen zwischen den Aktivisten und Farmern unter Kontrolle bekommen. Das neue Gesetz reagierte somit vor allem auf die Organisation von Aktivsten über das Internet und bedeutet die Verhärtung von Strafen für widerrechtliches Betreten von Eigentum, das seit Aussie Farms Publizierung der Karte massiv angestiegen ist.46

An vielen Orten auf der Welt entwickeln sich härtere Repression gegenüber Tierbefreiungsaktivist:innen. Das heisst, dass obwohl mehr Aktivist:innen sich an Open Rescue-Aktionen beteiligen, damit gerechnet werden muss, dass wieder vermehrt zu verdeckten Operationen zurückgegangen wird, wenn sich die Gesetzeslage verändert und Aktivist:innen zu härteren Strafen verurteilt werden. Open Rescues und verdeckte Aufnahmen konnten zwar nur limitiert rechtliche Veränderungen erzwingen – diese Form von Aktivismus schafft aber die Möglichkeit, dass Fälle von Tierleid an die Öffentlichkeit gelangen und die Bevölkerung sowie die verantwortlichen Produzenten, Lieferanten und Abnehmer direkt konfrontiert und verantwortlich gemacht werden. Eine Zunahme von Staatsrepressionen gegen verdeckte Aufnahmen und offenen Tierbefreiungen wird vor allem auf Kosten der Tiere gehen und die korrupten, lebensverachtenden Machenschafften der Fleisch- und Tierausbeutungindustrie verschleiern.


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  2. Cronin, Keri, Fierce and Fearless: Patty Mark’s Unique Approach to Animal Liberation, in: Unbound Project, 03.10.2016, https://unboundproject.org/patty-mark/ (zuletzt besucht am 10.10.2019), Opening Doors and Eyes to Animal Suffering, The Abolitionist Interview with Patty Mark, in: Satya Magazin, 03.2004, http://www.satyamag.com/mar04/mark.html (zuletzt besucht am 13.10.2019).
  3. Phelps, Norm, The Longest Struggle. Animal Advocacy from Pythagors to PETA, New York 2007, S. 294f., Contractor, Aban, Video footage shows battery hens living in filth, in: The Canberra Times, 24.08.1995, S. 5., Fuller, Jacqueline, Four arrested during raid on egg farm, in: The Canberra Times, 21.10.1995, S. 3.
  4. Unbound, https://unboundproject.org/patty-mark/
  5. Opening Doors and Eyes to Animal Suffering, The Abolitionist Interview with Patty Mark, in: Satya Magazin, 03.2004, http://www.satyamag.com/mar04/mark.html (zuletzt besucht am 13.10.2019).
  6. Aaltola, Elisa, Animal Suffering: Representations and the Act of Looking, in: Anthrozoös, Bd. 27, Nr. 1, S. 19 – 31, hier S.29.
  7. Productivity Commission 2005, Trends in Australian Agriculture, Research Paper, Canberra 2005, S. 32, https://www.pc.gov.au/research/completed/agriculture/agriculture.pdf.
  8. Ebd., S. 42f.
  9. Franklin, Adrian, Animals and Modern Cultures, A Sociology of Human-Animal Relations in Modernity, London 1999, S. 126f.
  10. Ebd., S. 131.
  11. Gordon, John Steele, The Chicken Story, in: American Heritage, Bd. 47, Nr. 5, 1996, https://www.americanheritage.com/chicken-story (zuletzt besucht am 23.10.2019).
  12. History of the Industry in Australia, in: Australian Chicken Meat Federation, 2018, https://www.chicken.org.au/history-of-the-industry-in-australia/ (zuletzt besucht am 30.10.2019).
  13. Phelps, Norm, The Longest Struggle, S. 292.
  14. SHARK: Showing Animals Respect and Kindness, http://www.sharkonline.org/index.php/about-shark/our-methods (zuletzt besucht am 09.11.2019).
  15. Phelps, Norm, The Longest Struggle, S. 293f.
  16. Es existiert keine offizielle Open-Rescue-Guideline, da die Open Rescue eine Form des Aktivismus ist, die auch von Personen, die nicht zu einer grösseren Organisation gehören, ausgeführt werden kann. Ich habe die Kriterien anhand von bekannten Open Rescue-Organisationen und einzelnen Aktivisten, die sich in dieser Form am Tierbefreiungsaktivismus beteiligen, abgeleitet. Alle bekannten Open Rescue-Aktivisten und Organisation teilen dieselbe Meinung über die notwendige Befolgung der von mir herausgearbeiteten Kriterien. Unterschiedliche Auffassungen gibt es lediglich in der Art und Weise, wie Filmmaterial präsentiert wird und welche Stellung der Mensch in der Befreiung hat: Patty Mark, Michal Kolesár, DxE. Quellenverweise über Marks, Kolesárs und DxEs Auffassungen und ideologischen Vorstellungen sind im Verlaufe des Textes zu finden., Die australische Aktivistenpresse für Open Rescues: http://openrescue.org/about/index.html., Das internationale Netzwerk für Open Rescues: https://www.openrescues.com/about., Doellinger, Leah, [@leahdoellinger], in: Instagram, https://www.instagram.com/leahdoellinger/ (zuletzt besucht am 10.10.19)., Räddningstjänsten, The Rescue Service, http://www.raddningstjansten.org/english/ (zuletzt besucht am 11.11.2019)., Akandouch, Massin, [@mas8in], in: Instagram, https://www.instagram.com/mas8in/ (zuletzt besucht am 11.11.2019)., Soranno, Amy, [@amysoranno], in: Instagram, https://www.instagram.com/amysoranno/ (zuletzt besucht am 11.11.2019).
  17. Fuller, Jacqueline, Four arrested during raid on egg farm, in: The Canberra Times, 21.10.1995, S. 3.
  18. Kolesár, Michal, I don’t harm if I don’t have to, 2009, S.6, http://michalkolesar.net/?page_id=1371
  19. Betz, Joseph, Can Civil Disobedience Be Justified, in: Social Theory and Practice, Bd. 1, Nr. 2, 1970, S. 13-30, hier S. 13.
  20. Matthews, Kymberlie Adams, The Great Eggscape. The Satya Interview with Adam Durand, in: Satya Magazin, 10.2006, http://www.satyamag.com/oct06/durand.html.
  21. Brownlee, Kimberley, Civil Disobedience, in: The Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2017, https://plato.stanford.edu/archives/fall2017/entries/civil-disobedience/ (zuletzt besucht am 10.12.2019). Die Kriterien stammen ausserdem aus den folgenden Seiten aus John Rawls Werk: Rawls, John, A Theory of Justice, Cambridge 1971, S. 363 – 390.
  22. Kolesar, http://michalkolesar.net/
  23. Villanuevo, Gonzalo, Transnational History, S. 147.
  24. Britain’s animal lovers turn to direct action, in: The Canberra Times, 16.01.1983, S. 9., Animal group admits plot, in: The Canberra Times, 15.11.1991, S. 6.
  25. Hsiung, Wayne, On the Importance of Open Rescue, Four Reason to get Serious about it, in: Direct Action Everywhere, https://www.directactioneverywhere.com/theliberationist/2015/1/9/on-the-importance-of-open-rescue-three-reasons-the-ar-movement-has-to-get-serious-about-liberation (zuletzt besucht am 10.12.2019).
  26. Monaghan, Rachel, Not Quite Terrorism: Animal Rights Extermism in the United Kingdom, in: Studies in Conflict & Terrorism, Bd. 36, Nr. 11, 2013, S. 933 – 951, hier S. 945., Zum Beispiel: Alleyne, Richard, The ALF is Known for Balaclava Clad Henchmen, in: The Telegraph, 12.01.2001, https://www.telegraph.co.uk/news/uknews/1314405/The-ALF-is-known-for-balaclava-clad-henchmen.html (zuletzt besucht am 24.11.2019); Bradley, Ed, Burning Rage, Reports On Extremists Now Deemed Biggest Domestic Terror Threat, in: CBS News, 10.10.2005, https://www.cbsnews.com/news/burning-rage/ (zuletzt besucht am 24.11.2019).
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  29. Milligan, Civil Disobedience, S. 120f., Davis, Putting a Face on the Rescuers, S. 205ff.
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  31. Carney, John, Chickens with no feathers, decomposed carcasses lying in cages and birds bloated with infections: The horrific conditions inside an Australian poultry farm revealed, in: Daily Mail Australia, 02.04.2015, https://www.dailymail.co.uk/news/article-3022556/Chickens-no-feathers-decomposed-carcasses-lying-cages-birds-bloated-infections-horrific-conditions-inside-Australian-poultry-farm-revealed.html (zuletzt besucht am 14.11.2019).
  32. Allen, Timothy, et.al., Inquiry into the Use of Battery Cages for Hens in the Egg Production Industry, 25.07.2019, S. 6, https://www.lawsociety.com.au/sites/default/files/2019-08/20190725_Animal_Law_Committee_Use_of_Battery_Cages_for_Hens_in_Egg_Production_Indu.pdf., Protesting 11 million layer hens still in battery cages, in: World Animal Protection, 17.10.2019, https://www.worldanimalprotection.org.au/news/protesting-11-million-layer-hens-still-battery-cages (zuletzt besucht am 01.01.2019).
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