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Tierverachtende Mode: Der Handel mit dem Pelz

Lara Biehl, 08.03.2022

Der Handel mit dem Fell von Tieren boomt und die Pelzindustrie verzeichnet stetig Gewinne. Viele Konsument*innen sind sich dieser Tatsache nicht bewusst und glauben, dass Echtpelz mittlerweile kaum mehr getragen wird. Dies ist leider ein Trugschluss. Wo der Verkauf oder die Zurschausstellung ganzer Pelzmäntel zwar tatsächlich eher selten vorkommt, verlagerte sich das Produktionsziel der Industrie stattdessen auf eine etwas subtilere Modeerscheinung: Echtpelz-Besatzungen an Jacken und Mützen. Diese Verlagerung führt nicht nur zu der verzerrten Wahrnehmung, dass die Produktion von Pelz nicht mehr rentabel ist und grossflächig praktiziert wird, sondern auch zu Unwissen, wie pelztragende Tiere leben und sterben müssen.

Der nachfolgende Artikel deckt drei Themen ab. Erstens klärt er über die verschiedenen Haltungsformen von pelztragenden Tieren auf. Zweitens erklärt er, warum das Tragen von tierischen Überresten zu Modezwecken aus ethischer Sicht immer falsch ist. Drittens stellt er ein paar Tipps zur Verfügung, wie man sich für pelztragenden Tiere einsetzen kann und wie Echtpelz von falschem unterschieden wird.

Wie leben und sterben Tiere, deren Pelz von Menschen getragen wird?

Es gibt verschiedene Methoden, die angewendet werden, um Tiere für ihren Pelz zu nutzen und fast alle dieser Praktiken sind in der Schweiz verboten. Hier existieren keine Pelzfarmen nicht weil sie per se verboten sind, sondern weil die Anforderungen an die Wildtierhaltung viel zu hoch sind, als dass der Verkauf des Pelzes die hohen Haltungsauflagen kompensieren könnte. So muss einem in Gefangenschaft gehaltenen Rotfuchs hier mindestens ein 100 Quadratmeter grosses Aussengehege zur Verfügung stehen, während er in einer Pelzfarm ungefähr einen Quadratmeter Bewegungsfreiheit hat.1 Obwohl somit die Herstellung fast jedes im Handel zu kaufenden Pelzes aus rechtlicher Sicht den Tatbestand der Tierquälerei erfüllt, erlaubt die Schweiz den Import und den Verkauf von Fellen. Im Jahre 2017 importierte die Schweiz 463 Tonnen Pelz und verzeichnete sogar ein neues Verkaufshoch.2 Nachfolgend werden Informationen zur Verfügung gestellt, wie diese Pelze gewonnen werden.

Pelzfarmen: Ein Leben in Gefangenschaft

Gemäss Angaben der International Fur Trade Federation stammen rund 85% aller Echtpelze von Pelzfarmen.3 50% der globalen Pelzproduktion findet in Europa statt, wo mehr als 5’000 industrielle Farmen in über 22 verschiedenen Ländern verteilt sind.4 In solch einer Farm werden ein oder mehrere Tierarten gezüchtet, um sie dann für ihr Fell zu töten. Die Lebensbedingungen, in denen sich die Tiere vorfinden, sind miserabel und es gibt – im Gegensatz zur Tierhaltung mit dem Ziel zur Nahrungsmittelproduktion – keine standardisierten und verbindlichen Regulierungen bezüglich der Käfighaltung, wobei es in vielen asiatischen Ländern gar keine Gesetze gibt, die die Tiere auch nur im Mindesten schützen.5

Die am häufigsten für die Pelzgewinnung genutzten Tiere sind Füchse, Nerze, Waschbären, Zobel, Marder, Hasen/Kanninchen, Hunde, Katzen und Lämmer.

Füchse

Füchse, die in Pelzfarmen gehalten werden, verbringen ihr Leben in der Regel in nicht einmal einem Quadratmeter grossen Gitterdrahtkäfigen. Eine verdeckte Reportage einer Tierschutzorganisation in Finnland deckte zudem auf, dass finnische Polarfüchse bis auf das Fünffache ihres normalen Körpergewichtes hochgemästet werden, um eine grössere Fläche an Fell zuzulegen. Die Tiere können sich folglich kaum mehr bewegen und weisen Druckstellen und Entzündungen an verschiedenen Körperstellen auf.6

Grafik Fuchs

Finnland ist der grösste Produzent und Exporteur von Polarfuchspelz. Im Jahre 2002 sollen in Finnland über 2.1 Millionen Füchse für ihren Pelz getötet worden sein, was der finnischen Pelzindustrie insgesamt einen Gewinn von 250 Millionen Euro einspielte.7 Finnland konnte den Vertrieb von Fuchspelzen konstant halten und züchtet und tötet jährlich rund 2.4 Millionen Füchse, um aus ihren Überresten Modeartikel zu schaffen.8

Nerze

Nerze sind die für den internationalen Pelzhandel am häufigsten gezüchteten Tiere. Das Fell von Nerzen soll etwa 85% aller gehandelten Felle ausmachen – die meisten Farmen befinden sich in Europa.9 Dänemark ist der weltweit grösste Produzent von Nerzfellen und soll im Jahre 2002 circa 12 Millionen Nerze für ihr Fell getötet haben, was der dänischen Pelzindustrie Gewinne von über 514 Millionen US-Dollar einbrachte. Die Produktion von Nerzfellen hat sich mittlerweile gesteigert, wobei, gemäss Aussagen des dänischen Agrarrates, jährlich 19 Millionen Nerze getötet und Gewinne von 1.1 Miliarden US-Dollar pro Jahr verzeichnet werden.10 Das Fell von Nerzen wird nicht nur für Kleidung genutzt, sondern auch für falsche Wimpern. Diese Wimpern sind oftmals als „Seidenwimpern“, „Silk Lashes“ oder „Mink Lashes“ gekennzeichnet. Obwohl die Pelzindustrie angibt, dass die einzelnen Härchen von Nerzen durch regelmässiges Kämmen der Tiere gewonnen werden, ist davon auszugehen, dass aufgrund des zusätzlichen Aufwands und der Gefahr für den Farmer, gebissen zu werden, die Haare erst nach der Tötung eingesammelt werden.11 Nerze verbringen, wenn ihnen die Wahl gelassen wird, 60% ihrer Zeit im Wasser. Sie sind ausserhalb der Paarungszeit strikte Einzelgänger und extrem territorial. In der Pelzindustrie werden sie zusammen mit anderen Artgenossen in winzigen Käfigen gehalten. Die Beengung und die zwanghafte Konfrontation mit anderen Nerzen führt zu Selbstverstümmelung, aggressivem Verhalten und Kannibalismus.12

Mink Farm

Alle Tiere, auch die anderen, hier nicht im Detail besprochenen Wildtiere, sowie Tiere, die für ihr Fleisch getötet oder ihre Sekrete ausgebeutet werden und diejenigen, die in einem Labor oder Zoo eingesperrt sind, leiden unter physischen sowie psychologischen Beeinträchtigungen, wenn sie stark eingeschränkt, isoliert und gelangweilt sind und sich nicht so verhalten können, wie sie es in ihrer natürlichen Umgebung tun würden. Alle in Pelzfarmen gehaltenen Tiere zeigen pathologische Verhaltensweisen, die auf erhebliche Befindlichkeitsprobleme hindeuten. Dazu gehören Selbst- und Fremdverstümmelung, Infantizid, Hilfslosigkeit sowie sich über einen langen Zeitraum wiederholende Handlungsmuster wie ständiges Hin- und Hergehen, im Kreise drehen oder das regelmässige und monotone Äussern von Lauten.13 Pelzhändler und Pro-Pelz Organisationen sind jedoch nicht dazu bereit, diese Probleme anzuerkennen, sondern versuchen aktiv, sie zu leugnen. Der finnische Pelztierzüchterverband FIFUR gibt an, dass die Haltung von Wildtieren in Käfigen keine Beeinträchtigung für ihr Wohl zur Folge hat. Auf ihrer Website schreibt der Verband:

“Auch wenn sich die Wildtiere viel bewegen, so beruht ihre Bewegung immer auf einem bestimmten Grund, wie z.B. der Suche nach Nahrung oder einem Paarungspartner. Auf Farmen werden diese Bedürfnisse im Käfig befriedigt.” – Finnish Fur Breeders’ Association14

Diese These von FIFUR ist nicht nur unwissenschaftlich, weil sie zahlreiche empirische Studien missachtet, die das Vorhandensein all der oben aufgezählten pathologischen Probleme notwendigerweise am Bewegungs- und Entfaltungsmangel festmachen, sondern sie behauptet zudem, dass Bewegung kein alleinstehendes Bedürfnis von Tieren sein kann, sondern immer an die Verwirklichung eines anderen Zieles gebunden ist. Dies ist natürlich falsch, da Tiere, genau wie Menschen, Bewegung brauchen, um gesund zu bleiben und sich körperlich auszulasten. Wenn Tiere keinen Bedarf mehr hätten, aktiv zu sein, wenn ihnen Futter zur Verfügung gestellt wird, bräuchten wir sie weder einzusperren, noch benötigten unsere Hunde und Katzen, die mit uns leben, Auslauf oder Bewegung. FIFUR und andere Befürworter von Echtpelz verbreiten bewusst falsche Informationen, um die grausame Realität hinter der Echtpelzproduktion zu verdecken.

Tötung: Die Tiere leben zwischen 6 bis 8 Monaten und erleiden dann einen qualvollen Tod, da eine Tötungstechnik gewählt werden muss, die ihr Fell nicht beschädigt. Nerze werden in Europa meistens mit CO2 vergast, wobei sie in ihren letzten Sekunden ein starkes Erstickungsgefühl durchleiden und panische Angst haben. Füchse und andere grössere Tiere werden in europäischen Raume anal oder vaginal durch Stromschlag getötet.14 In Asien gibt es in vielen Ländern hingegen gar keine Vorschriften zur Betäubung und Tötung von pelztragenden Tieren. In China werden die Tiere meist in der Nähe von Grossmärkten geschlachtet. Um dorthin zu gelangen, werden sie oft tagelang ohne Zugang zu Futter und Wasser unter schrecklichen Bedingungen transportiert. Wenn die Tiere am Zielort angekommen sind, werden sie mithilfe einer Stange, an der eine Drahtschlinge befestigt ist, am Hals aus den Käfigen herausgezogen. Zwei Betäubungs- bzw. Tötungsmethoden sind geläufig. Teilweise werden die Tiere entweder mit der Schlinge erwürgt oder ein Mitarbeiter steht ihnen auf den Hals und übt konstanten Druck auf sie aus, bis sie ersticken. Da diese Methode aber einige Zeit in Anspruch nimmt, werden die Tiere meistens erschlagen. Dabei hält ein Arbeiter das Tier an den Hinterbeinen fest und schlägt ihm mit einem schweren Gegenstand den Schädel ein oder schleudert seinen Kopf gegen eine Wand oder auf den Boden. Wenn das Tier nicht mehr fähig ist, sich zu wehren, wird es gehäutet. Obwohl viele Tiere durch die Schläge Mühe haben, sich zu bewegen, sind sie immer noch bei Bewusstsein, wenn ihnen das Fell abgezogen wird. Videodokumentationen, Forschungs- und Erfahrungsberichte zeigen und beschreiben, wie sich die Tiere während dem Häuten winden und Laute von sich geben und, nachdem ihnen das Fell abgezogen wurde, für fünf bis zehn Minuten weitere physische Reaktionen wie Atem-, Körper- und Augenbewegungen zeigen.15

Sind Pelze, die aus Pelzfarmen kommen, nachhaltig? Nein. Es ist ein weitverbreiteter und von der Pelzindustrie gefördeter Irrglaube, dass Echtpelze nachhaltig sind. Die Haltung von pelztragenden Tieren ist im Gegensatz zur Fabrikation anderer Materialien (inklusive Polyester) mit Abstand am schädlichsten für die Umwelt. Einerseits, weil die Tiere über die sieben bis acht Monate ihres Lebens Futter und Wasser zu sich nehmen müssen und andererseits ihre Ausscheidungen zu erhöhten N2O-Emissionen führen.16 Verschiedene Studien haben die Umweltbelastung, die von der Produktion von Pelz, Kunstpelz, Wolle und Baumwolle ausgehen, ausgewertet und sind zum Ergebniss gekommen, dass Echtpelz nicht nur den grössten ökologischen Fussabdruck hinterlässt, sondern seine Herstellung auch 20-mal mehr Energie benötigt, als Kunstpelz aus Polyester.17

Sustainability

Dazu kommt, dass Pelz die Haut eines lebenden Tieres war und diese sich zu zersetzen beginnt, wenn sie nicht haltbar gemacht wird. Um der Verwesung vorzubeugen, wird der Pelz mit verschiedensten Chemikalien behandelt. Die am häufigsten verwendeten Chemikalien sind Formaldehyd, das den Ausbruch von Leukämie verursachen oder unterstützen kann und Chrom, das nachweislich krebserregend ist.25) Teste des Bremer Umweltinstitutes am Pelzbesatz von Kinderjacken von Canada Goose, Versano, Nickelson, etc. ergaben, dass die Werte für die beiden Chemikalien weit über den von der EU oder dem Oeko-Tex Standard 100 bewilligten Höchstwerten lagen und somit ein vor allem nicht für Kinder zu unterschätzendes Gesundheitsrisiko bedeuten.18 Pelz ist somit kein Naturprodukt, sondern stark künstlich verarbeitet. Zur Umweltbelastung dazugerechnet werden müssen auch die Transportemissionen, da die chemische Behandlung der tierischen Überreste nicht selten an einem anderen Ort als der Pelzfarm oder gar in einem anderen Land geschieht und die Pelze international versandt werden.

Der Einsatz von Körperfallen zur Pelzgewinnung

Die anderen 15% der verkauften Felle stammen von Wildtieren, die entweder durch Fallen gefangen oder von Jägern erschossen werden. In Ländern wie den USA und Kanada ist es immer noch erlaubt, Tiere mit Körpergreiffallen zu fangen und es sind vor allem Kojoten, Wölfe, Rotluchse, Waschbären und Otter, die dieser Praxis zum Opfer fallen. Im Gegensatz zur geläufigen Auffassung, dass diese Tiere zur Bestandesregulierung so oder so getötet und dann lediglich verwertet werden, liegt der Hauptgrund für die Fallenlegung in Kanada in den Ambitionen der Pelzindustrie. Im Jahre 2009 wurden in Kanada 730,915 Wildtierpelze verkauft und 70’000 Leute arbeiten in der Industrie.19 Die Fallen werden so platziert, dass, wenn das Tier darauf tritt, die Falle zuklappt und sein Bein einklemmt. Gefangene Tiere versuchen anschliessend panisch, sich zu befreien und von den Fallen loszukommen. Manchmal versuchen sie, ihr eigenes Bein durchzubeissen, um wieder in die Freiheit zu gelangen und sterben oft an Erschöpfung, Dehydration, Hyperthermie oder Blutverlust.20 Da mitunter weibliche Tiere in die Fallen geraten, sterben auch ihre Jungen, da die Mutter nicht zu ihnen zurückkehren kann.

Wenn die Fallensteller auftauchen, um ihr Opfer abzuholen, werden die Tiere, wenn sie nicht bereits auf eine andere Weise gestorben sind, entweder erschossen oder – um das Fell nicht zu beschädigen – erwürgt, indem der Fallensteller mehrere Minuten auf den Hals des Tieres steht und konstanten Druck ausübt.21

Fallen

Ist Pelz, der von Tieren stammt, die durch Fallen gefangen wurden, nachhaltig? Auch gewisse Modemarken den Verkauf von Pelz durch Eisenfallen als umweltfreundlich und nachhaltig beschreiben, ist auch dies ein weiterer Trugschluss. Erstens ist es unmöglich, zu kontrollieren, welche Tiere sich in die Fallen begeben. Canada Goose gibt zwar an, dass nur Tiere getötet werden, die nicht vom Aussterben bedroht sind; faktisch haben aber weder das Unternehmen noch die Fallensteller Kontrolle darüber und es werden immer wieder tote Tiere in den Fallen vorgefunden, die zu einer bedrohten Spezies gehören.20 Die American Veterinary Medical Association gibt an, dass 67% von allen in Fallen gefangenen Tiere (darunter auch Hunde und Katzen), nicht für die Produktion von Pelzen verwertet werden können, da sie nicht die gewünschte Zielgruppe bilden und ihr Fell nicht genutzt werden kann. Da es illegal ist, vom Aussterben bedrohte Spezies zu töten, ist davon auszugehen, dass solche Vorfälle nicht gemeldet werden und eine Dunkelziffer über das aktuelle Ausmass von sogenannten „Fehlfängen“ besteht.22 Zudem werden auch Pelze von wildlebenden Tieren – genau gleich wie bei denen aus Pelzfarmen – mit Chemikalien behandelt und international mit dem Flugzeug versandt.

Tiere sind keine Kleidungsstücke: Wie das Tragen von tierischen Überresten ihnen inhärenten Wert abspricht und sie lediglich als Objekte einstuft.

Es gibt mehrere Gründe, warum das Tragen von Pelz zu unterlassen und keine Frage freier Entscheidungsgewalt ist.

a.) Jeder hat nur insofern ein Recht auf Freiheit, indem er nicht die Freiheit anderer nachhaltig gefährdet.

Wie bereits erörtert wurde, ist die Herstellung von Pelz mit immensem Tierleid verbunden, welches nicht im Geringsten mit dem Nutzen, den wir aus dem Tragen ihres Pelzes ziehen, kompensiert werden kann. Echtpelz ist ein Modeaccessoire – keine Notwendigkeit, um in der kalten Jahreszeit zu überleben. Wenn wir die Misshandlung dieser Tiere in Kauf nehmen, nur, um unserer Eitelkeit Rechnung zu tragen, basiert diese Entscheidung nicht auf rationalen Überlegungen, sondern auf reinem Egoismus.

Der Philosoph John Stuart Mill erörterte in seinem im Jahre 1859 verfassten Buch „Über die Freiheit“ Prinzipien, die sich mit der Freiheit des Individuums, das zu tun, was es gerne möchte und der Frage danach, wo diese Freiheit aufhört, befassen. Mill beantwortet letztere Frage unter anderem, indem er das „Schadensprinzip“ einführt.

Schadensprinzip Das Schadensprinzip besagt, dass nur dann in die Freiheit eines Individuums eingegriffen werden darf, wenn die Handlung, die zu unterlassen ist, eine relevante Schädigung anderer empfindsamer Lebewesen nach sich zieht. Mit anderen Worten: Deine Freiheit endet dort, wo die Freiheit eines anderen auf signifikante Weise verletzt wird.

Das Schadensprinzip ist ein in der Ethik relativ unbestrittenes Prinzip, da seine Wahrheit fast nicht zu leugnen ist. Stellen wir uns vor, dass ein Unternehmer ein nicht notwendiges Produkt in den Markt integrieren will, dessen Herstellung eine enorme gesundheitliche Belastung für Menschen und Tiere zur Folge hat. Der Unternehmer wird jetzt aufgrund von Gesetzen, die den Schutz der Bevölkerung vor toxischen Verschmutzungen regeln, gezwungen, sein Projekt aufzugeben. Obwohl der Unternehmer behaupten könnte, dass dieser Entscheid unfair ist, weil es in seine Handlungsfreiheit eingreift, scheint seine Begründung unbefriedigend zu sein, da wir die Intuition teilen, dass sein Anspruch, die Firma zu errichten und Profite zu generieren, viel geringer ist, als die Gefährdung aller Lebewesen, die von seiner Entscheidung betroffen sind.23

Es ist nun fraglich, wieso dieses Prinzip nicht auch auf nicht-menschliche Tiere ausgeweitet werden soll. Tiere sind, genau wie wir, empfindungsfähige, intentionale und intelligente Wesen, die einen Lebenswillen haben und das Bedürfnis zeigen, nicht gequält oder ausgenutzt zu werden. Jeder Mensch aber, der den Pelzhandel unterstützt, respektiert diese Freiheit von Tieren nicht und stellt ihre Schädigung über triviale Bedürfnisse. Jedes Tier, das mit der Intention getötet wird, von Nutzen für den Menschen zu sein, wird – egal, ob es bis zu seinem Tode ein gutes oder schlechtes Leben hatte – seiner Freiheit zu existieren beraubt.

b.) Sollten wir sehr gut imitierte Fake-Pelze oder Pelze, die wir bereits gekauft haben, noch tragen?

Der Grund also, weshalb wir auf das Tragen von Pelz verzichten sollten, geht mit der Auffassung einher, dass nicht-menschliche Tiere gewisse grundlegende Rechte oder moralischen Status haben, den wir nicht respektieren, wenn wir ihre Haut tragen. Folgende Statements und Verhaltensweisen sind deshalb problematisch:

„Ich kaufe mir keinen neuen Pelz, trage aber den, den ich noch habe, damit das Tier nicht unnötig gestorben ist / […] um das Tier zu ehren.“ Derjenige, der eine Aussage dieser Art tätigt, schlägt vor, Pelz weiterhin zu tragen, um dem getöteten Tier zu huldigen. Die Intention, die diese Haltung in sich trägt, mag vielleicht eine gute sein, sie ist in Wahrheit aber von praktischem Nachteil für die Sache der Tiere und nicht zuletzt speziesistisch. Die negativen Folgen für die Tiere bestehen darin, dass jeder getragene Pelz Werbung für zu verkaufenden Pelz ist. Wenn du das Tragen von Pelz für die Zukunft ablehnst, aber weiterhin deine Canada Goose Jacke mit Pelzkragen in der Öffentlichkeit trägst, kannst du andere Leute dazu anstiften, sich auch eine Jacke mit Pelzbesatz zu kaufen, weil sie den Pelzanteil modisch oder ästhetisch finden. Vor allem jüngere Menschen oder Menschen, die nicht oder nur unvollständig über den Pelzhandel aufgeklärt sind, fühlen sich bestärkt darin, Echtpelz zu kaufen, je mehr andere Leute es tun. Wenn dir die Ehre oder die Würdigung des Tieres am Herzen liegen, dann vernichte den Pelz. Das Leben seiner Artgenossen könnte davon abhängen.

Ein weiterer Punkt ist, dass Ideen wie „dem Tier die letzte Ehre zu erweisen“ oder es „nach dem Tod zu würdigen“ rein menschliche und metaphysisch aufgeladene Konzepte sind, bei denen es fragwürdig ist, inwiefern sie dem Tier – auch wenn es keine Nachteile für andere pelztragende Tiere haben würde – Ehre zusprechen oder ihm zu Gute kommen. Dieser Aussage scheint ein speziesistischer Gedanke zu unterliegen, den Tiere als Objekte klassifiziert und das “Recycling” ihrer Körperteile höher wertet als die Abschaffung speziesistischer Praktiken. Würden wir z.B. eine Halskette aus echten menschlichen Zähnen tragen, um Menschen, die gestorben sind, die letzte Ehre zu erweisen, ohne, dass sie in diese Praktik eingewilligt hätten? Würden wir uns schön und speziell fühlen, irgendwelche Überreste von Menschen zu tragen, die in einem Gefangenenlager zuerst gefoltert und dann brutal ermordet worden sind? Würden wir dort auch anführen, dass wir gewisse Körperteile von ihnen nutzen, damit sie nicht für nichts gestorben, sondern noch verwertet worden sind?

Auch wenn sich jemand nun aktiv gegen die neue Herstellung von Pelz ausspricht, sich aber trotzdem mit Pelz in der Öffentlichkeit zeigt, wird das Tier immer noch nicht vollständig als wertvolles und eigenständiges Geschöpf angesehen, sondern als Produkt. Denn der „Verwertungsgedanke”- die vollkommene Kommodifizierung von nicht-menschlichen Lebewesen – ist eine Folge aus der Tatsache, dass wir Tieren keinen inhärenten Wert zugestehen. Das Tragen der toten Überresten von Tieren, – sei es Fell, die Haut von Kühen oder von Lämmern oder die Wolle von Schafen – ist immer mit der unterschwelligen Botschaft verbunden, dass Tiere Kleidungsstücke sind oder als solche genutzt werden dürfen. Und das ist eine Auswirkung des Speziesismus.

“Ich kaufe nur noch Fake-Pelz.” Viele bereits im letzten Abschnitt diskutierten Probleme treffen auch zu, wenn sich Personen dazu entscheiden, falschen Pelz zu tragen. Es ist natürlich so, dass es aus ethischen Gründen falscher Pelz echtem immer vorzuziehen ist. Dennoch kann es sein, dass vor allem gut produzierter Fake-Pelz fälschlicherweise mit echtem verwechselt wird oder auch dieser bei anderen den Anschein erwecken kann, dass das Pelztragen im Allgemeinen gerechtfertigt ist. Auch hier sind wir bei der Frage, ob ein Imitat von toten tierischen Überresten nicht die Kommerzialisierung – also das Ware-Werden oder als Ware-Aufgefasst-Werden – von Tieren weitergehend fördert. Um dieses Risiko nicht unnötig einzugehen, raten wir dazu, Stoffe und Textilien abzulehnen, die mit nicht-menschlichen Tieren assoziiert werden – nicht zuletzt auch deswegen, weil die Produktion von Falschpelz nicht nachhaltig ist.

Konklusion: Nur dann, wenn wir die Idee aufgeben, dass nicht-menschliche Tiere Waren sind und erkennen, dass ihre Körperteile nur an ihnen selbst ästhetisch sind, begeben wir uns auf den richtigen Weg, den Speziesismus zu bekämpfen und Tiere als das anzusehen, was sie wirklich sind: Individuen, Akteure und inhärent wertvolle Lebewesen.

Was kann ich tun, um gegen die Ausbeutung von Tieren wegen ihres Pelzes zu kämpfen?

Es gibt eine Reihe von Handlungen, die unternommen werden können, um pelztragenden Tieren zu helfen.

  • Kaufe keinen Echtpelz: Wenn du trotzdem Fake-Pelz Besätze an deiner Jacke haben möchtest, achte darauf, dass sie wirklich fake sind. Obwohl es in der Schweiz eine Deklarationspflicht gibt, wird diese Pflicht nur unzureichend wahrgenommen und es kommt sogar vor, dass Pelze als fake deklariert sind, die aber echt sind. Du erkennst Echtpelz anhand gewissen Merkmalen: Die Härchen von echtem Pelz bewegen sich einzeln, wenn die Person sich bewegt oder der Wind weht. Sie sind feiner und weisen verschiedene Haarlängen auf. Falsche Pelze haben nur eine Haarschicht und die Nähte bzw. das Netz, an dem der Pelz angebracht ist, sind, wenn du die Haare auseinanderstreifst, sichtbar. Bei echtem Pelz sind verschiedene Haarschichten erkenntlich und du siehst anstatt Nähte die Unterwolle und die Haut des Tieres. Wenn du den Pelz berühren kannst, kannst du auch den Feuertest machen. Du reisst dafür zwei bis drei Härchen aus dem Pelz heraus und zündest sie an. Riechen sie nach verbranntem Haar, ist der Pelz echt. Riechen sie nach Plastik, ist es eine Fälschung.24
  • Stickern: Fur-Shaming, also das öffentliche Blossstellen von Personen, die Pelz tragen, ist eine geläufige Art des Anti-Pelz Aktivismus. Frage lokale Organisationen an, ob Sie dir Sticker zusenden können und bringe diese an Pelzkrägen an (wenn du in der Schweiz lebst, melde dich bei furfoe.ch). Fur-Shaming ist eine Art und Weise, das Tragen von Pelz sozial inakzeptabler zu machen und es spricht vor allem diejenigen an, die kein Interesse am Wohlbefinden von Tieren hegen und nur überzeugt werden können, in dem sie beschämt und angeprangert werden.
  • Suche das Gespräch mit Leuten, die Pelz tragen: Falls du keine Berührungsängste hast, kannst du versuchen, Personen, die Pelz tragen, direkt anzusprechen und sie über die Produktion von Pelz oder über die ethischen Grundlagen, welche das Pelztragen ablehnen, aufzuklären.
  • Flyern: Verteile Flyer, die Informationen über Pelz beinhalten. Du kannst unseren Flyer gratis downloaden und benutzen oder du kannst lokale Anti-Pelz- unf Tierrechtsorganisation anfragen, ob sie bereits bestehende Flyer haben.
  • Kontaktiere Unternehmen: Schreibe E-Mails und Briefe an pelzverkaufende Unternehmen (Escada, Bogner, Moncler, Woolrich, Dolce & Gabbana, FashionStylers, etc.) und fordere, dass diese tierquälerische Praxis beendet wird und sie Echtpelz aus dem Sortiment streichen. Äussere deinen Unmut über den Pelzverkauf dieser Unternehmen auf ihren sozialen Netzwerken oder schreibe Bewertungen, in denen du den Verkauf kritisierst und ihnen deswegen eine schlechte Bewerung hinterlässt.
  • Demonstrationen: Nimm an Demonstrationen gegen den Pelzhandel teil oder protestiere ausserhalb von Läden, die Pelz verkaufen.
  • Informiere dich über Tierrechte und weite deine Ablehnung gegen Tierausbeutung auch auf andere Spezies aus: Wenn du dich gegen Pelz einsetzen möchtest, hast du bereits die Auffassung, dass Tiere nicht gequält oder ausgebeutet werden dürfen. Pelztragende Tiere sind aber nicht die einzigen, die aufgrund gewisser Merkmale ausgenutzt werden. Du kannst dich über andere Formen der Unterdrückung von Tieren informieren und versuchen, einer veganen Lebensweise nachzugehen.

  1. Tierschutzverordnung (TschV), Anhang 2, Tabelle 1, Gehege für Säugetiere, https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20080796/index.html
  2. Voegelin, Julia, Pelz-Boom in der Schweiz. «Wer Pelz trägt, ist mitschuldig am Leid der Tiere», in: SRF, 18.02.2017, https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/wer-pelz-traegt-ist-mitschuldig-am-leid-der-tiere
  3. Finger weg von echtem Pelz, in: Zürcher Tierschutz, https://www.zuerchertierschutz.ch/tierschutzthemen/pelz-und-pelztiere.html
  4. Europe Regulations, in: Sustainable Fur, 2017, https://www.wearefur.com/responsible-fur/farming/fur-farming-europe/
  5. Internation Fur Trade Federation, The Socio-Economic Impactof International Fur Farming, 2003, S. 1 https://web.archive.org/web/20110713004402/http://www.iftf.com/publctns/4849Intls_eEng.pdf, Fakten zur Pelzproduktion, in: ProTier – Stiftung für Ethik und Tierschutz, http://www.protier.ch/site/index.cfm?id_art=97250&actMenuItemID=45057&vsprache=de
  6. Kägi, Marianne, Das Leiden der Polarfüchse, Billiger Echtpelz – den Preis zahlen die Tiere, 05.12.2017, https://www.srf.ch/news/schweiz/das-leiden-der-polarfuechse-billiger-echtpelz-den-preis-zahlen-die-tiere
  7. U.S. International Trade Comission, Industry and Trade Summary. Furskins, in: Office of Industries, Washington 2004, S. 20., Internation Fur Trade Federation, The Socio-Economic Impactof International Fur Farming, 2003, S. 11, https://web.archive.org/web/20110713004402/http://www.iftf.com/publctns/4849Intls_eEng.pdf
  8. Arctic foxes, fur and Päntsdrunk – Finland in the World Press, in: Helsinki Times, 01.06.2018, https://www.helsinkitimes.fi/149-finland/15582-finland-in-the-world-press-arctic-foxes-fur-and-paentsdrunk.html
  9. Hansen, Henning Otte, European Mink Industry – Socio-Economic Impact Assessment, 19.09.2017, S.2.
  10. Mink and Fur, in: Danish Agriculture & Food Council, 2019, https://agricultureandfood.dk/danish-agriculture-and-food/mink-and-fur#, Facts, in: Kopenhagen Fur, https://www.kopenhagenfur.com/en/about-kopenhagen-fur/facts/
  11. Nerzwimpern, in: Deutscher Tierschutzbund E.V., https://www.tierschutzbund.de/aktion/mitmachen/verbrauchertipps/nerzwimpern/
  12. Mink Farming, in: CRAFT. Coalition to Abolish the Fur Trade, https://www.caft.org.uk/mink_farming.html
  13. ACTAsia, China’s fur trade and its position in the global fur industry, 2019, S. 40, Hsieh-Yi, et al., Fun Fur?, A report on the Chinese Fur Industry, 2004/2005, S. 5, http://www.davids-revenge.de/download/Furreport05pdf.pdf
  14. aus dem Englischen übersetzt, FIFUR, 2020, https://fifur.fi/en/q
  15. Hsieh-Yi, et al., Fun Fur?, A report on the Chinese Fur Industry, 2004/2005, S. 6, http://www.davids-revenge.de/download/Furreport05pdf.pdf, ACTAsia, China’s fur trade and its position in the global fur industry, 2019, S. 39f., Fur Farming, in: Fur Free Alliance, https://www.furfreealliance.com/fur-farming/
  16. Bijleveld, Marijn, et al., The Environmental Impact of Mink Fur Production, in: Delft, 2001, S. 7.
  17. Hoskins, Tansy, Is the fur trade sustainable?, in: The Guardian, 29.10.2013, https://www.theguardian.com/sustainable-business/sustainable-fashion-blog/is-fur-trade-sustainable
  18. Die Mär vom Naturprodukt Pelz, in: NDR, 07.11.2014, https://www.ndr.de/ratgeber/verbraucher/Naturprodukt-Pelz-mit-Schadstoffen-belastet,pelz132.html, Preusse, Simone, Pelzbesatz ist nicht nur grausam, sondern auch krebserregend, in: Fashion United, 19.01.2016, https://fashionunited.de/nachrichten/mode/pelzbesatz-ist-nicht-nur-grausam-sondern-auch-krebserregend/2016011919494
  19. Proulx, Gilbert, Fur Trapping, in: The Canadian Encyclopedia, 2015, https://www.thecanadianencyclopedia.ca/en/article/fur-trapping
  20. Protection of Fur-Bearing Animals, https://thefurbearers.com/other-faqs/what-about-canada-goose
  21. Fur Trade Facts, in: Last Chance for Animals, https://www.lcanimal.org/index.php/campaigns/fur/fur-trade-facts
  22. Literature Review on the Welfare Implications ofLeghold TrapUse in Conservation and Research, in: American Medical Veterinary Association, 2008, https://www.avma.org/resources-tools/literature-reviews/welfare-implications-leghold-trap-use-conservation-and-research
  23. Auch wenn dieses Prinzip in der Theorie von allen angenommen wird, ist es in der Praxis auch was unsere Mitmenschen anbelangt, nur unzureichend umgesetzt. Die Textilindustrie als Ganzes beispielsweise, bereichert sich an der Not und dem Leiden vieler Menschen, die in Nähfabriken zu einem Hungerslohn hart und ungeregelt viel arbeiten müssen. Auch die Fleisch- und Milchindustrie ist nicht nur schädlich gegenüber Tieren, sondern führt dazu, dass indigene Völker in Brasilien ihre Heimat verlieren, da Regenwaldrodungen Platz für die Rinderhaltung und den Sojaanbau für die Nutztierwirtschaft machen soll. Ausserdem werden Massentierhaltungsfarmen und Schlachthäuser in den USA zum Beispiel in Gebieten gebaut, in denen in erster Linie Menschen mit dunkler Hautfarbe leben. Wir müssen das Schadensprinzip öfters einbeziehen, wenn wir Produkte kaufen und wir haben die Pflicht, uns darüber zu informieren, inwiefern unsere Handlungen bzw. unsere Freiheit eine Handlung auszuführen, dazu führt, dass einem anderen Lebewesen in relevantem Masse geschadet wird.
  24. FurFoe, Pelz erkennen, https://furfoe.ch/info1