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Verwendungsarten des Speziesismus-Begriffs

Der Speziesismus wird von Verteidigern von Tierrechts- und Tierbefreiungspositionen als unterdrückerisches und verwandtes Konzept zum Rassismus oder Sexismus aufgefasst. Der Begriff hat eine abwertende Konnotation, da Menschen, die damit bezeichnet werden, beschuldigt werden, eine eigentlich moralisch berücksichtigungswürdige Gruppe (nicht-menschliche Tiere) ohne gültige argumentative Basis zu diskriminieren und zu unterdrücken. Auf der anderen Seite gibt es Personen, die sich selbst als Speziesisten beschreiben, weil sie aktive Verteidiger der Idee sind, dass alle Menschen nicht-menschlichen Tieren überlegen sind und erstere aufgrund dieser Überlegenheit als einzige Spezies moralischen Status bzw. grundlegende Rechte verdienen. Nach der Auffassung des Speziesisten ist es so, dass die meisten Interessen von Menschen – mögen sie noch so trivial sein – immer oder in den meisten Fällen über den Interessen von nicht-menschlichen Tieren stehen.

Was bedeutet Speziesismus?

Der Speziesismus, in seiner allgemeinsten Form, beinhaltet die Auffassung, dass die ungleiche moralische Behandlung zweier Lebewesen aufgrund ihrer unterschiedlichen Spezieszugehörigkeit gerechtfertigt ist. Eine Folge speziesistischer Haltungen ist, dass gewisse Rechte (z.B. das Recht auf körperliche Integrität oder das Recht darauf nicht getötet zu werden) nur an diejenige Spezies geknüpft sind, die als moralisch relevant definiert wird. Wie der Rassismus und Sexismus schafft der Speziesismus also eine dualistische Trennung zwischen zwei Gruppen und zielt darauf ab, eine Hierarchie zu etablieren, die die eine Gruppe als der anderen unterlegen und minderwertig einstuft und die dann rechtfertigen soll, warum die “überlegene” Gruppe fast ohne Einschränkungen über die andere herrschen darf. Im Speziesismus bedeutet das konkret, dass der Mensch sich als allen nicht-menschlichen Lebewesen übergeordnete Spezies klassifiziert und sich folglich im Recht sieht, all diejenigen, die nicht zu seiner Art gehören, für seine Zwecke zu gebrauchen.

Obwohl die meisten Menschen den Speziesismus Begriff nicht kennen oder aktiv gebrauchen, ist der selbstverständliche und unhinterfragte Konsum und die Nutzung von nicht-menschlichen Tieren eine Folge davon, dass viele von uns die Auffassung verinnerlicht haben, dass nicht-menschliche Tiere keinen inhärenten Wert besitzen und ausgebeutet, unterworfen, gebraucht und getötet werden dürfen. Was es so schwierig macht, die Fehlerhaftigkeit speziesistischer Einstellungen einzusehen, ist, dass die Ausbeutung von nicht-menschlichen Tieren nicht nur auf individuellen Vorurteilen gegenüber ihnen gründet, sondern mitunter institutionalisiert, das heisst, in vielen gesellschaftlichen Systemen weit verbreitet und akzeptiert ist.

Ähnlich wie bei zwischenmenschlichen Unterdrückungssystemen beruht auch der Speziesmus auf irrationalen Gedankengängen, Vorurteilen und unhinterfragten Denktraditionen und stellt ein Versagen in der eigenen ethischen Haltung dar. Im Folgenden werde ich zwei der häufigsten Arten, wie der Speziesismus normalerweise verteidigt wird vorstellen. Die erste Verteidung des Speziesismus geschieht über den Verweis darauf, dass nur die Spezies Mensch moralischen Status hat, weil nur die Spezies Mensch in dem Sinne relevant ist, dass sie moralische Berücksichtigung verdient. Die zweite speziesistische These möchte begründen, dass der Besitz gewisser intellektueller Fähigkeiten nötig ist, damit ein Lebewesen ein Recht auf Leben oder Unversehrtheit hat. Ich werde beide Ideen kurz besprechen und zeigen, dass speziesistische Überlegungen unplausibel, zirkulär und die Auswahl notwendiger Kriterien, die angeblich moralisch wichtig sind, willkürlich gewählt werden.

a.) Einfacher Speziesismus: Nur Menschen haben moralischen Status, weil nur sie zur moralisch relevanten Spezies gehören.

Die Idee hinter dem einfachen Speziesismus ist, dass nur Menschen moralischen Status haben, weil nur sie Mitglieder der moralisch relevanten Spezies sind. Diese Behauptung ist mit einigen Schwierigkeiten behaftet. Die erste ist, dass dieses Argument zirkulär und somit ungültig ist:

Zirkelschluss / kreisförmiges Argument: Ein Zirkelschluss ist ein Beweisfehler, der dann vorliegt, wenn das, was bewiesen werden will, bereits in der Beweisführung angenommen wird. Bei dem Argument “Die Bibel ist Gottes Wort, weil dort geschrieben steht, dass alle Schrift von Gott gegeben sei” handelt es sich beispielsweise um einen Zirkelschluss, da das, was gezeigt werden will (“die Bibel ist Gottes Wort”) bereits in dem Argument vorausgesetzt bzw. als wahr angenommen wird (“es steht geschrieben, dass alle Schrift von Gott gegeben sei”).

Solch ein Zirkelschluss liegt nun auch bei dem Argument des einfachen Speziesismus vor:

P1Nur Menschen gehören der Spezies Mensch an.
P2Nur Wesen, die der Spezies Mensch angehören, sollten moralischen Status haben.
KMenschen sind diejenigen Wesen, die moralischen Status haben sollten.

Auch hier wird bereits in den Prämissen - das heisst in der Argumentationsführung - angenommen, was in der Konklusion gezeigt werden will. Solche Argumente sind ungültig, weil näher ausgeführt werden müsste, warum nur diejenigen Wesen, die der Spezies Mensch angehören, ein Recht auf Leben oder Unversehrtheit haben. Dieses Argument kann solch einen Beweis nicht leisten. Im Gegenteil, es scheint komplett willkürlich zu sein, Spezieszugehörigkeit als moralisch relevantes Kriterium für die Vergabe von Rechten anzunehmen, da nichts an “zur Spezies Mensch zugehörig sein” qualifizierend ist, um davon ein objektives “würdig für moralische Behandlung sein” oder “unwürdig für moralische Behandlung sein” abzuleiten, in dem Sinne, in dem wir zum Beispiel aus der Fähigkeit Leid zu empfinden, ableiten können, dass es besser ist keine Schmerzen zu haben, als im Zustand permanenten Schmerzes zu sein. Es ist naheliegend zu fragen, weshalb die Zugehörigkeit zu einer Spezies in irgendeinem Sinne moralisch relevant sein soll – und nicht Fähigkeiten wie Empfindsamkeit, Emotionalität oder Intentionalität.

Warum sollte es plausibel sein, andere Lebewesen ausbeuten zu dürfen, nur weil sie nicht zu einer gewissen Spezies gehören? Sollten wir uns nicht lieber fragen, warum wir nicht-menschlichen Tieren moralischen Status absprechen, obwohl sie so viele essenzielle Fähigkeiten mit uns teilen? Warum dürfen wir nicht-menschlichen Tieren das Leben nehmen, sie von ihren Kindern oder Familien trennen, sie zur Unterhaltung gebrauchen oder schmerzhafte Experimente an ihnen ausführen, wenn wir wissen, dass diese Eingriffe ihnen Schaden zuführen und mit negativen subjektiven Empfindungen einhergehen?

Ein weiterer Grund, weshalb der einfache Speziesismus nicht plausibel ist, ist, dass wenn der Erhalt moralischer Rechte ausschliesslich an den Begriff des Menschen geknüpft wird, sich merkwürdige Folgen daraus ergeben. Stellen wir uns vor, dass es eine andere, dem Menschen unterschiedliche Spezies gibt, die aber ähnliche Eigenschaften wie der Mensch aufweist (z.B. Rationalität, Reflexionsfähigkeit, Fähigkeit des moralischen Überlegens). Solche Spezies – obwohl uns kognitiv ebenbürtig – würden nach der einfachen Form des Speziesismus automatisch aus der Sphäre moralisch berücksichtigungswürdiger Wesen ausgeschlossen werden – einfach nur, weil sie aus biologischer Sicht keine Menschen sind. Dies ist absurd – auch, weil der Verweis auf biologische Verwandtschaft und Merkmale in der Vergangenheit und auch heute noch (z.B. von weissen Rassisten und Sexisten) dazu genutzt wird, Hierarchien zwischen verschiedenen Menschen künstlich zu erzeugen und eine Rechtfertigung für die Unterdrückung gewisser Menschen herzuleiten. Solche Argumente müssen immer hinterfragt und als das aufgedeckt werden, was sie sind: willkürlich.

b.) Erweiterter Fähigkeiten-Speziesismus: Nur kognitiv dem Standard entsprechende Menschen haben moralischen Status, weil sie die moralisch relevanten Fähigkeiten aufweisen

Wie festgestellt wurde, kann reine biologische Verwandtschaft nicht ausschlaggebend für moralischen Status sein. Viele Speziesisten haben das eingesehen und versuchen anstattdessen moralische Rechte an den Besitz gewisser kognitiver Fähigkeiten zu koppeln.

In der westlichen Philosophie werden Lebewesen, die über höhere kognitiven Fähigkeiten verfügen, oftmals Personen genannt. Wie ausgeprägt diese Fähigkeiten sein müssen, damit das Lebewesen als Person gilt, wird von verschiedenen Philosph:innen teilweise anders begründet. Gemäss Nach Tom Regan muss ein Lebewesen ein "Subjekt-eines-Lebens" sein, um als Person zu gelten: Damit ein Lebewesen ein Subjekt des Lebens ist, muss es die Fähigkeit haben, Wünsche und Überzeugungen zu entwickeln, sich an die Vergangenheit zu erinnern und zukünftige Ereignisse zu prognostizieren und es muss intentional und empfindungsfähig sein. Nach Regan sind also die meisten nicht-menschlichen Tiere wie auch Menschen Personen und erhalten moralische Rechte.1 Häufiger wird das Kriterium der Person aber enger gefasst, so dass nur Angehörige der Spezies Mensch die Anforderungen erfüllen. Personen sind dann nur diejenige Lebewesen, die beispielsweise in der Lage sind, Gedanken über Emotionen, Wünsche oder andere Gedanken zu formen oder fähig zur Sprache sind. Da nicht-menschliche Tiere dazu nicht in dieser From in der Lage sind, werden sie nicht als Personen gewertet.2 Das Problem ist nun, dass in der Philosophie Personenstatus oftmals automatisch mit moralischer Berücksichtigung gleichgesetzt wird.

Personen, die eine erweiterte Form des Speziesismus verteidigen, greifen nun an der zweiten Konzeption des "Personenseins" an. Der Speziesist verweist dabei auf eine die Spezies Mensch charakterisierende Eigenschaft (z.B. Reflexionsfähigkeit, Sprachfähigkeit oder erweitertes logisches Denkvermögen) und schliesst dann, dass es genau diese Eigenschaft ist, die moralische Relevanz - und somit beispielsweise ein Recht auf Schutz vor Ausbeutung - konstituiert.

Ein bekanntes Problem, das dieser Ansatz aufweist, wird das Argument der Überschneidung der Spezies genannt. Gegner:innen des Fähigkeiten-Speziesismus argumentieren, dass hohe kognitive Fähigkeiten nicht ausschlaggebend für moralischen Status sein können, weil es viele Menschen gibt, die keine Personen in diesem engen Sinne sind. Geistig Schwerbehinderte, Demente, Komatöse, Babys und Kleinkinder weisen nicht die von Speziesist:innen vorausgesetzten moralisch relevanten Fähigkeiten auf, um in die Kategorie der berücksichtigungswürdigen Wesen zu fallen. Wenn der Fähigkeiten-Speziesismus wahr wäre, könnten wir nicht erklären, weshalb es nicht in Ordnung ist, gewisse menschliche Nicht-Personen auszubeuten und beispielsweise schmerzhafte Experimente an ihnen durchzuführen. Sobald darauf verwiesen wird, dass diese Menschen deshalb Rechte haben, weil sie zur Spezies Mensch gehören, verfällt das Argument in den oben diskutierten einfachen Speziesismus, der, wie gezeigt wurde, aber ohne weitere Begründung nicht haltbar ist.

Ein weiteres Problem mit dem anspruchsvolleren, speziesistischen Ansatz ist, dass er nicht erklären kann, weshalb genau Rationalität und Reflexionsfähigkeit die Kriterien sein sollen, die bestimmen, wer grundlegende Rechte erhält und wer nicht. Nur weil gewisse Menschen im Stande sind komplexe mathematische Probleme zu lösen und ihre Wünsche bewerten können, rechtfertigt das nicht automatisch, weshalb es in Ordnung sein soll, nicht-menschliche Tiere für triviale Bedürfnisse von Menschen (z.B. für Geschmack oder Mode) auszubeuten, leiden zu lassen oder zu töten. Nicht-menschliche Tiere sind, genau wie wir, leidensfähige Wesen. Wenn sie gezüchtet, genutzt, versklavt und getötet werden, leiden sie darunter. Ausserdem bedeutet Tötung - egal wie das Leben des nicht-menschliche Tieres vorher ausgesehen hat - immer eine nicht auf Einwilligung basierende Verwehrung zukünftiger Erfahrungen und die Auslöschung einer ganzen Existenz, das diesem einen Lebewesen wichtig war. Wieso gibt die Fähigkeit der Rationalität Personen das Recht, empfindungsfähige Lebewesen zu nutzen und zu exekutieren? Weshalb sollten wir bei Überlegungen zur Formulierung moralischer Prinzipien nicht auf Eigenschaften Rücksicht nehmen, die Menschen und nicht-menschliche Tiere gemeinsam haben? Wenn wir wissen, dass unsere Handlungen einem Lebewesen subjektiven Schaden zufügen, wäre das nicht Grund genug diese Handlungen zu unterlassen, auch wenn das Wesen, das geschädigt wird, nicht dieselben kognitiven Fähigkeiten aufweist wie die meisten Menschen?

Ähnlich wie der einfache Speziesismus kann auch die ausgebaute Version gewissen Gedankenexperimenten nicht standhalten. Stellen wir uns vor, dass es eine Spezies gibt, deren Mitglieder die Fähigkeit zur Telepathie ausweisen und – ähnlich wie Hochleistungscomputer – komplexe abstrakte Probleme in Sekundenschnelle ohne Hilfsmittel lösen können. Diese Spezies ist somit insgesamt einiges intelligenter als die Spezies Mensch und verfügt über eine so ausgeklügelte nicht-verbale Kommunikation, dass Menschen sie nicht verstehen können. Die Mitglieder dieser Spezies könnten nun, so wie es Menschen bei Tieren tun, bestimmen, dass Telepathie sowie die Fähigkeit zu anspruchsvollen kognitiven Leistungen (die der Mensch nicht besitzt) diejenigen Kriterien sind, die ein Wesen moralisch berücksichtigungswürdig machen. Diese Wesen hätten nun das Recht uns zu versklaven, zu züchten und zu essen, weil sie intelligenter und gewandter sind als wir. Dieses Resultat ist aber kontra-intuitiv, da es plausibler ist, das Recht auf Leben am Kriterium der Empfindsamkeit anzuhaften.

Speziesismus in der Gesellschaft

Wie bereits am Anfang des Artikels erwähnt, ist der Speziesismus in fast allen Kulturen der Welt eine geläufige Auffassung. Weil wir davon ausgehen, dass Tiere keine Träger moralischer Rechte sind, sind wir auch der Meinung, dass es nicht falsch ist, sie für unsere Zwecke zu töten oder zu nutzen. Selbst innerhalb von Kulturen, wo der Speziesismus alltäglich ist, das heisst beispielsweise der Konsum von Fleisch, Milchprodukten und Eiern zur Norm gehören, werden gewisse nicht-menschliche Spezies anderen übergeordnet. Es scheint so, als würden wir Hunden und Katzen einen höheren Stellenwert zuschreiben als "Nutztieren". Es ist aber faktisch so, dass wir auch sogenannten “Haustieren” keine Rechte zugestehen, da auch sie bloss als Eigentum des Menschen gelten. Auch Hunde und Katzen leiden unter speziesistischen Normen, ihr Wert wird an dem Nutzen, den sie für den Menschen darstellen, bemessen und es ist uns beispielsweise freigestellt, sie abzuschieben, sobald sie uns Schwierigkeiten bereiten oder nicht mehr von Interesse für uns sind. Eine anti-speziesistische Grundhaltung hinterfragt und veurteilt somit nicht nur speziesistische Vorurteile gegenüber nicht-menschlichen Tieren, deren Körper für Genussmittel, Experimente oder Kleidung missbraucht werden, sondern beleuchtet die Mensch-Tier-Beziehungen und unseren speziesistischen Umgang mit nicht-menschlichen Tieren im Allgemeinen. Der Anti-Speziesismus ist eine soziale Gerechtigkeitsbewegung und fordert grundlegende moralischen Rechte für nicht-menschlichen Tiere und Menschen. Ausserdem fordert er einen angehenden Diskurs über die speziesistische Behandlung von nicht-menschlichen Tieren im Alltag sowie über die Machtstrukturen, die diese Zustände auslösen, begünstigen und befördern (z.B. der Einfluss von Kapitalismus und der weissen Vormachtstellung auf speziesistische Werte) und die auch andere Menschen benachteiligen.


  1. Regan, Tom, The Case for Animal Rights, Berkeley/Los Angeles 2004.
  2. Frankfurt, Harry G., Freedom of the Will and the Concept of a Person, in: The Journal of Philosophy, Bd. 68, Nr. 1, 1971.